Dialektik

Die Extremen beginnen in mir.

Das dialektische Denken geht davon aus, dass jeder Begriff und jeder Teil der Welt auch sein Gegenteil enthalte. Auf der Makroebene untersuchten schon Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“, warum die Aufklärung, welche der Rationalität verschrieben war und die Befreiung des Menschen aus seinen selbst verschuldeten Unmündigkeit herbeiführen sollte, zu solchen Irrationalitäten wie Kriegen, Völkermorden und der nuklearen Bedrohung führen konnte.

Doch warum in der Ferne streifen, wenn die Dialektik selbst im Individuum ansetzt? Der äußeren Bewunderung steht ein innerer Unfriede gegenüber, der mich zu Gedanken und Handlungen anregt, von denen ich nicht im Traum geglaubt hätte, dass ich sie hervorbringen könnte. Wie kann es sein, dass ein Mensch den Weltfrieden anpreist, während er im inneren selbst einen Krieg auszutragen hat? Wie kann jemand behaupten, er habe Mitleid mit hungernden Menschen, um in den leeren Stunden der Einsamkeit von Essen zu träumen und selbst nach mehr zu gieren? Wie kann man behaupten, jemanden aufrichtig zu lieben, wenn man sich selbst in den entscheidenen Momenten keinen Respekt entgegenbringt? Was treibt jemanden an, Geld und Kapitalismus zu verteufeln, und gleichzeitig nur zur Zufriedenheit zu kommen, wenn es ausreichend vorhanden ist? Wieso flieht einer sich  mithilfe von Alkohol in einen anderen Zustand, der die alltägliche Antriebslosigkeit mit Gedankenlosigkeit überspielt?

So wie die Natur des Menschen schon jahrtausendelang Fokus und Angelpunkt philosophischer Fragestellungen war, so ist bis heute keine befriedigende allgemeingültige Beschreibung des Menschen zustande gekommen. Im postmodernen Denken ist eine objektive Definition des Menschen nicht mehr möglich geschweige denn erwünscht. Es gibt also weder eine Natur noch ein Essentielles des Menschen, keine Gesetzmäßigkeiten oder Wesensmerkmale, die jedem Einzelnen unwiderrufbar zugeschrieben werden können.Bei dem Versuch, zumindest  das angenommene Wesen des Menschen zu dekonstruieren, stößt der postmoderne Betrachter schnell in Sackgassen, die keine befriedigende Antwort auf seine existenziellen Fragen liefern. Doch ist es wirklich vonnöten, einen Großteil der Menschheit in irgendeiner Weise klassifiziern und einordnen zu können? Es scheint, die einzig gültige Aussagen, die wir über das Wesen des Menschen tätigen können, sind jene, die wir deduktiv von uns selbst ableiten können. Und auch diese können keinen universellen Anspruch haben, da sie integraler Bestandteil unseres Lebens ist, das in seinem Ablauf einzigartig ist. Das einzige, was eine Verbindung zu anderen menschlichen Lebensformen darstellen kann, scheinen geteilte Erlebnisse, Schicksalsgemeinschaften, Kohorten, u.Ä. – die aber in jeder Erscheinungsform auf jeweils unterschiedliche Böden fallen und damit unterschiedliche Lebenswege in unterschiedliche Bahnen lenken können.

Außerdem erlaubt uns unser subjektiv-wertender Blick nicht, das Verhalten anderer vorbehaltlos zu bewerten. Deshalb kann der einzige Weg, zu einer Wahrheit über sein eigenes Wesen zu gelangen, nur in der Selbstreflexion und Selbstanalyse liegen, um falsche Bewertungen und Prämissen über zugrunde liegende Intentionen und Handlungsmuster zu vermeiden.

Die Fragen, und nicht die Antworten machen das Wesen des Menschen aus.

 

Laut Erich Fromm, der in diesen Fragen einen psychoanalytisch-sozialpsychologischen Ansatz verfolgte, defininere sich der Mensch als Widerspruchswesen, und es seien die Fragen, und nicht die Antworten, welche das Wesen des Menschen ausmachen.

Doch Fragen kommen nicht von irgendwo her, insbesondere nicht von außen. Die Fragen, die wir uns stellen, kommen – und sind damit Teil – von uns selbst und  definieren so einen jeden von uns.

Dies ist weniger eine Selbstanalyse als ein Selbstbekenntnis. Ich erhebe keinen universellen Anspruch über die Erkenntnisse, die ich über mein Wesen zu gewinnen meine. Bin ich mir doch der Logik bewusst, die alles Menschenleben durchflutet: kein Leben gleicht dem anderen, verschiedene Situationen können verschiedene Reaktionen hervorrufen und jeder Perspektivwechsel bietet neue Wege, die aber nicht von jedem in gleicher Weise beschritten oder erkundet werden müssen.

Ausgehend von den Fragen, die mir mein Leben, mein Verhalten und meine Gedanken aufwerfen, möchte ich meine eigene persönliche Dialektik überwinden, die mir in meinen Gedanken über mich selbst einen Großteil meiner Authentizität verhindert.

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