Ort und Ziel

Wenn wir bewusst Yoga in unser Leben integrieren, dann ändert sich unsere Einstellung zum Leben langsam, aber – wenn wir es zulassen – beständig. Als ich meinen ersten Yogakurs besuchte, war ich sechszehn Jahre alt, und wollte diesen neuen Trend als eine Art Lifestyle-Sport ausprobieren. Doch als ich mich auf die Asanas einließ und meinem Atem folgte, gab mir diese neue Kunst mehr als nur ein Lifestyle-Emblem. Sie brachte mich zur Ruhe mit mir selbst und meinem Körper, zur Abkehr von der Hektik und dem Wettbewerb des Alltags, zu einer ganz sonderbaren Form von Einheit und Frieden. Irgendwo zwischen neuen Formen von Pilates, Power-Yoga und Fitness verlor ich jedoch diese Ruhe und fand mich selbst wieder in einem Streben nach Perfektion, das für unsere westliche Kultur so bezeichnend ist. Donna Farhi erklärt dieses Missverständnis, das wir von den Asanas (den Yogastellungen) haben und zeigt auf, dass sie nur ein kleiner Teil von Yoga per se sind, insbesondere nur Techniken, um der Essenz von uns selbst näher zu kommen:

“In the West we are taught from an early age that what we do and what we own are the sole components for measuring whether we are “successful”. (…) What Yoga teaches us is that who  we are and how we are constitute the ultimate proof of a life lived in freedom. If you do not truly believe this, it is likely that you will measure success in your yoga practice through the achievement of external forms. This tendency has produced a whole subculture of Yoga in the West that is nothing more than sophisticated calisthenics, with those who can bend the farthest or do the most extraordinary yoga postures being deemed masters.Because it’s easy to measure physical prowess, we may compare ourselves to others who are more flexible, or more “advanced” in their Yoga postures, getting trapped in the belief that the forms of the practice are the goal. These outward feats do not necessarily constitute any evidence of a balanced practice or a balanced life. What these first central precepts the yamas  and the niyamas ask us to remember is that the techniques and the forms are not goals in themselves but vehicles for getting to the essence of who we are.” (Farhi, Donna: Yoga, Mind, Body & Spirit: A return to wholeness, S. 7 f.)

Ich muss mit Ehrlichkeit zugeben, dass mein Lernprozess noch anhält, dass ich bestimmt noch Zeit brauche, um mich von der Idee zu lösen, Erfolg messen uns sehen zu können. Oft ertappe ich mich dabei, in etwas Perfektion zu suchen, das ich tue – sei es eine bestimmte Asana, die ich unbedingt beherrschen möchte, bis die Lehrerausbildung anfängt, um mich nicht vor den anderen zu blamieren, oder nur die Gestaltung eines Tagesablaufes hier in meinem Kigalischen Heim. Doch was ich gelernt habe, ist, dass ich einige Denk – und Verhaltensmuster, die sich über lange Zeit in mir festgesetzt haben, nicht über Nacht abstreifen kann. Was ich jedoch tun kann, ist eine demütige und geduldige Form von Selbstbeobachtung zu praktizieren, die es mir erlaubt, meine Muster zu erkennen und langsam zu transformieren. Wir dürfen nicht zu streng mit uns sein, welchen Weg auch immer wir gehen wollen – ob wir Yoga üben, Joggen gehen, oder uns um unser Studium kümmern.  Ich denke, ein Weg, um dorthin zu gelangen, wo wir wollen, ist Selbstbeobachtung und stetiger Wandel. Vor diesem Hintergrund habe ich auch das Beitragsbild ausgewählt – da ich mich scheinbar notorisch nach anderen Orten sehne, doch was eigentlich zählt, ist die Reise unseres Bewusstseins. Yoga kann ein Fahrzeug sein, das uns dorthin bringt, wenn wir wissen, in welche Richtung wir fahren wollen.

Credit: Township Yogi
Credit: Township Yogi

Abschließen möchte ich meinen Beitrag mit einem wundervollen Gedicht von Katy Stevenson Wirth, das ihren Weg der Abkehr von Wettbewerb und Konkurrenz hin zu Liebe und Einheit beschreibt:

In my heart of hearts,

I no longer want to be

Better than anyone

Smarter than anyone

Thinner than anyone

Prettier than anyone

Faster than anyone

Stronger than anyone

More accomplished than anyone

More creative than anyone

A better mother than anyone

A better friend than anyone

Better educated than anyone

ANYTHING more than anyone.

I want to walk this path

Side by side

In awe of who you are

In awe of what your gifts are

To see you only in love and light

With your beauty shining through

Just as you are.

And I want you to see me the same way.

For I really do love you

Just as you are.

I only thought I had to be better

In order for you to love me.

I drop this cloak of outshining at the gate.

It has been such a heavy burden,

An unnecessary burden

A self imposed burden.

Will you still love me

Being just as I am.

In my heart of hearts,

I know you will.

Das Gesetz des abnehmenden Grenzidealismus

Während mein Leben sich wieder im Wandel befindet, habe ich in den letzten Tage der Nostalgie nachgegeben und in meiner Abizeitung geblättert. Auf einmal kamen mir soviel Erinnerungen in den Kopf und obgleich sie in dem damaligen als Ereignisse und Erfahrungen weniger lebensbedeutsam erschienen, so erweist sich heute wieder einmal Kierkegaard als wahrer Prophet, wenn er sagt: “wir müssen das Leben vorwärts leben, verstehen können wir nur es rückwärts” – oder Steve Jobs mit seinem Rat, rückblickend die “dots” zu verbinden. Ich habe mich damals, 2008, als es noch Leistungskurse gab, für den Wirtschafts-Politik-Leistungskurs eingeschrieben, dessen Zustandekommen einerseits noch nicht gesichert war, andererseits ich einen unheimlichen Respekt davor hatte, da ich mir sicher war, dieser Kurs würde meine Abiturnoten nicht in die Höhe treiben, da er von einem Lehrer angeboten werden solle, der eine etwas andere Weltsicht hatte als ich – und mir daher eher als Herausforderung anstatt als gut kalkulierter Abiturweg erschien, bei dem die bestmögliche Note herausspringen würde (entsprechend der üblicherweise weitestgehenden Kalkulationen von SchülerInnen). Mein Problem damals war: ich galt als eine absolut “naive” Idealistin –  im Gegensatz zu meinen KlassenkameradInnen. Einige Kommentare, die auf meiner persönlichen Seite im Abibuch festgehalten wurden, mögen das verdeutlichen :

“Glaubt immer an das Gute, übertreibt es aber gerne mal”
“leider manchmal etwas zu utopisch”
“Menschenrechte. Manchmal nervt’s”
“Menschenrechte forever -> man kann es auch übertreiben”
“will die ganze Menschheit verbessern”
“intolerant – kann ohne ihr linkes Geschwafel nicht leben: Menschenrechte…”

Blicke ich heute zurück, so mag ich zugeben, dass ich in einer relativ ruralen Umgebung mein Abitur gemacht habe, wo die meisten in recht konservativen Familien aufgewachsen sind und ein entsprechendes Weltbild entwickelt haben. Diejenigen mit Migrationshintergrund haben entweder die stillschweigenden Aversionen annehmen müssen oder sich unwissend in die Rolle des Opfers-doch-jetzt-Verurteilenden versetzt (ich kann dieses Phänomen des “Opfer-Täter-Statuswechsel” nur schwer erklären, doch habe festgestellt, dass diejenigen, die Opfer rassistischer oder xenophober Einstellungen waren, dieses schädigende Verhalten oftmals gerne ebenfalls auf andere anwenden, um ihr eigenes Selbstwertgefühl zumindest ein Stückchen den anderen Einheimischen anzunähern). Ja, lieber Wi-Po-Leistungskurs, ich wusste, dass du nicht einfach werden würdest. Habe ich doch so unnachgiebig an Menschenrechte geglaubt, ohne genau wissen, wie sie sich politisch einordnen lassen, habe nie in links-rechts-Schemen gedacht, nur nach dem Wert menschlichen Lebens, nachdem mir die Grausamkeit an der Geschichte meiner Großmutter während der Sowjetunion in vollem Ausmaß mein Herz zerrissen hatte. Sie sagte, sie erzähle uns diese Geschichte nur, um uns klar zu machen, was es für ein Geschenk ist, in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung aufwachsen zu dürfen. Doch – so glaubte ich damals zumindest – es stellte sich schnell heraus, dass auch das Denken in menschlichen Kategorien nicht in die Politikwissenschaft passte. Was war ich für ein idealistisches junges Mädchen, und hier spricht nicht nur Nostalgie oder Verbitterung, sondern die knallharte Kernfrage darüber, ob es wahr ist, dass man mit dem Alter und der Erfahrung seinen Idealismus verliert. Camus hatte das so genannt:

“Wenn man anfängt, zu denken, beginnt man, ausgehöhlt zu werden.”

– Oh, was für ein weiser Mann. Ich begann 2007, als ich 16 Jahre alt war, mich hemmungslos den Menschenrechten hinzugeben, und zwar weil ich zum ersten Mal von der Gründungsgeschichte amnesty internationals gelesen habe, als zwei portugiesische Junggesellen auf die Freiheit anstießen, und dafür zu Haftstrafen verurteilt wurden. Irgendwann stieß ich dann auf ein Phänomen, das allerorts mit “Genozid” beschrieben wurde, und dass, neben der grausigen deutschen Vergangenheit, es noch ähnliche Verbrechen gegeben hatte, die alle Vorstellungskraft übersteigen, mir jedoch damals, als ich gerade zwölf Jahre alt war, als alte Stammesschlacht geschildert worden war: der Völkermord in Ruanda, eines der unvorstellbarsten Massaker der Weltgeschichte. Doch in der Mentalität des Leistungskurses lernte ich schnell (oder glaubte ich schnell zu lernen), dass das Einstehen für menschliche Werte als linksradikal und jedes Bekenntnis zu den universalen Menschenrechten als westlicher Werteimperialismus galt. Und ich habe im Laufe der Jahre immer mehr das Gefühl bekommen, dass Camus’ Worte, genauso wie die Aussage, dass man im Alter den Idealismus verliert, ein natürliches Gesetz seien, das ich widerwillig akzeptierte. Ich kämpfte mit mir selbst, und nach der Schande meiner ersten Klausur (4,0) war ich an der Schwelle, den Kurs zu wechseln und aufzugeben, also die Herausforderung abzulehnen. Doch mein Lehrer überredete mich, zu bleiben. Und dafür bin ich ihm noch heute dankbar. Ich lernte von Carl Schmitt, Thomas Hobbes, Nietzsche und Huntington, und als Ausgleich dazu etwas über Colin Crouch….ich dachte damals, das wäre politische Pflichtlektüre, doch heute weiß ich, wie jedes einzelne Buch, jeder einzelne Artikel, gar jede Meinung, eine politische Färbung hatte und in logischen Schritten dekonstruiert werden konnte – und sogar musste. Eingeschüchtert von der kritischen Herangehensweise, mit der meine eigene normative Einstellung hinterfragt wurde, ließ ich mich – zunächst widerwillig – auf die Lektüren und Diskussionen ein. Und das war der Beginn des Ende meines Idealismus. So dachte ich. Ich dachte, Card Schmitts Idee vom Politischen als Freund-Feind-Unterscheidung sei “Realismus”, und die Theorie des Realismus sei die knallharte politische Wahrheit, zumal uns – als 17 – 19 Jährigen – der Begriff ebendies auch suggeriert hat. Erst im Studium an der Universität konnte ich diese innere Ohnmacht gegenüber solch dogmatischen Theoretikern und Politikwissenschaftlern relativieren. Ich durfte lernen, dass es nicht die eine Wirklichkeit gibt, und nicht die eine Theorie, die wahr ist, sondern dass konstruktive Politikwissenschaft sich ständig im Diskurs befindet, und nicht aufhört zu fragen, zu wagen, aber auch: zuzuhören. Ich glaube, das Zuhören habe ich gegen Widerwillen damals im Leistungskurs lernen müssen, aber es ist eines der wichtigsten Aspekte jeder Wissenschaft – gar, jedes Wissens und Verstehens, und dazu muss man auch gar nicht studieren. In der Beschäftigung mit den Weltbildern der Autoren fand ich erst später eine seltsame Form von Faszination, weil ich – je mehr ich mich mit ihnen beschäftigte – langsam die Fehler in ihrem Denken erkannte, und die Fehler meiner eigenen Reflexionen, die sich in einigen von ihnen wiederfanden.

An dieser Stelle möchte ich kurz innehalten und mich bedanken. Für die letzten wundervollen Jahre, die mir mit der Möglichkeit geschenkt wurden, zu lernen, zu verstehen, und meine Annahmen über das Funktionieren der Welt zu hinterfragen.

Und jetzt fühle ich mich manchmal so, als müsste ich diejenige sein, die ihren Idealismus verloren hat (gemäß des Gesetzes des abnehmenden Grenzidealismus), weil ich anhand politischer Reliatätsanalysen des besseren belehrt wurde. Es fällt mir leicht, das abzuwehren. Heute packe ich mein Leben in ein Koffer und zwei Taschen ein, und fliege wieder hinaus in die Welt, für eine Yogalehrerausbildung auf Sansibar, für die Liebe, ja immer noch für den Idealismus, der sich irgendwo in meinem Herzen verborgen hat und darauf wartet, in das Weltgeschehen zu tauchen.

“Fierte”, mein liebes Passau!

Lebenserkenntnisse aus dem Bücheralltag.

Als ich heute in meiner letzten offiziellen B.A.-Vorlesung saß und den Ausführungen über Platon’s ‘Staat’ folgte, fiel meine Wahrnehmung von dem Gelernten plötzlich völlig ab von dem Sachbereich der Politischen Theorie. Ich hatte Sokrates Worte mit Begeisterung gelesen, war immer wieder aufs Neue verblüfft, dass er seine Zeit transzendiert hat und diejenigen Grundmuster menschlicher Verirrungen entlarvt haben, die uns noch heute prägen – oder ist es die Verblüffung darüber, dass wir nach über 2000 Jahren noch immer dort stehen, wo ein Sokrates für sein Wissen zum Tode verurteilt wurde?

Als ich nach der Vorlesung heimging, hielt ich unten am Inn kurz inne, sah die Reflexion der Straßenlaternen im Wasser, die verzaubert glitzerten, und die Lichtlinien der vorbeitrödelnden Autos, die auf der Brücke entlang fuhren, und da plötzlich war er.

Dieser eine Moment, nach ewigem, ja tagelangem Grübeln, der eine klare und einleuchtende Ordnung in all mein Gefühlschaos brachte, und es unter einer höheren Ordnung subsumierte. Der Moment war nur kurz, und doch war er umso intensiver, zumal ich die letzten Tage damit verbracht habe, irgendeine magische höhere Energie um Antworten zu bitten. Sie standen dort geschrieben, in dem Buch von Platon! Sie waren seit 2000 Jahren niedergeschrieben, und ich hatte sie die ganze Zeit nicht gesehen, weil ich sie nicht gelesen hatte.

Was der Entwurf des sokratischen “Staates” in meinem Inneren sortiert und entblößt hat, das könnte gar kein Staatsapparatjemals in einem Menschen bewirken.

… in dem Staate nämlich, meinst du, würde er Lust und Liebe daran haben, mit dessen Gründung wir uns eben beschäftigten, in dem im Reich der Gedanken liegenden Staats; denn auf Erden existiert er, glaube ich, nirgends.
Nun, sagte [Sokrates], dann ist er doch wohl im Himmel als ein heiliges Mustervorbild für jeden aufgestellt, der ihn anschauen und durch seine Anschauung danach den Haushalt seines Inneren einrichten will; es liegt aber gar nichts daran, ob er irgendwo existiert oder noch existieren wird; denn nur mit den Angelegenheiten dieses inneren Staates beschäftigt er sich, aber mit keinem anderen. (592 B)

Und das ist etwas so Faszinierendes – dass die Erkenntnisse Sokrates’ nicht nur inhaltlich bis ins kleinste Detail in dieser Schrift ausgeführt wird, sondern dass, wenn man es liest, schon allein der Akt des Lesens den Ansatz dessen erreicht, was der ganzen Theorie zugrunde liegt – das innere Erwachen, das Erkennen von bestimmten Aspekten in sich selbst beim Durchgehen der Verfallsreihe – immer und immer und immer wieder.

Camus war dort, in dem umbegründbaren Niedergang des Ortes, wo man Gerechtigkeit schon gefunden hatte, doch auch
Erich Fromm war dort:

…daß sie nur Lüsten nachlaufen, die, mit Schmerzen gemischt, nur Trug- und Schattenbilder der wahren Lust sind und nur durch Nebeneinanderstellung von Freuden und Schmerzen eine reizende Farbe bekommen, so daß beide unwiderstehlich scheinen, den Unverständigen wahnsinnige Leidenschaften einflößen und ein Gegenstand des Streites werden… (586 C)

Und dort, als ich dort am Inn stand, fielen mir all meine Fehler auf, und wie ich bestimmte Verhaltensweisen nicht diesem oder jenem Seelenteil zuschreiben konnte. Ich merkte plötzlich, dass ich in eigen Bereichen meines Lebens gar tyrannische Züge angenommen hatte – aus Angst, oder aus Herrschaft meiner Bedürfnisse, die ich noch nicht selbst kontrollieren konnte? Ich wusste plötzlich, dass Freiheit eine Richtung hat, und dass die Idee der Liebe nicht in Bestrafungen und Kosten-Nutzen-Kalkulationen liegen kann, sondern dass sie Gutes sein muss, sie muss einfach das Gute sein, sie kann nicht im Besitzen liegen, nicht in physischen oder psychischen Verletzungen, sie kann einfach nicht. Das sind alles Symptome von Begierden und Trieben, die sich hinter dem Begriff der “Liebe” als etwas ausgeben wollen, das sie gar nicht wirklich sind.

Als ich nach Hause kam, fiel mir plötzlich der Gedankengang von Eckhard Tolle ein. “Vernunft” – ist sie wirklich der Teil der Seele, der Harmonie in unser seelisches Innenleben bringen kann? Sie, der “Denker”, der an uns herumnörgelt und uns befiehlt, was rational richtig ist, auch wenn unser Herz etwas anderes im Sinne hat?
Haben Sokrates und Tolle verschiedene Auffassungen mit dem Begriff verbunden, oder nicht doch das gleiche, das bei Tolle “Bewusstsein” und Leben war, bei Sokrates hingegen das Schauen nach dem wahren Sein der Dinge? Nein, Sokrates Idee von Vernunft entspricht nicht dem, was wir uns heute vielleicht darunter ausmalen, das Gute verwirklicht sich im Denken, im Lernprozess, im wirklichen und wahrhaftigen Verstehen. Genauso ist der Denker, von dem Tolle als Verstand spricht, nicht die Vernunft, die Sokrates meint, sondern ein mit substanzlosem Wissen angefüllter innerer Kritiker, der mit wahrer Erkenntnis wenig zu tun hat.

Die Erkenntnis des Guten ist schließlich, so glaube ich, Erleuchtung. Deshalb kann sie auch nicht erklärt werden, sondern nur erlebt werden. Platon erklärt diesen Weg im Siebten Brief:

aus vielen Gesprächen über die Sache selbst und wenn man ganz in ihr aufgeht, entsteht es plötzlich – so wie ein Licht aufleuchtet, das einem Feuer entspringt – in der Seele und nährt sich dann schon aus sich heraus
(341 c)

Sich fuer den Frieden entscheiden.

“Du must jetzt…” und “Du darfst nicht…” – in staendigem Wiederholungsmodus hallen diese unangenehmen Satzbausteine in deinem Kopf umher und verbinden sich mit den seltsamsten Aufgaben, die sich im laufe eines Tages ansammeln: du musst noch einkaufen, du darfst nicht so abgelenkt sein, du musst jetzt Smalltalken, du darfst nicht so still sein…
Meistens hoeren wir ganz automatisch hin, und folgen blind diesen Anweisungen, die von der Stimme in unserem Kopf artikuliert werden. Manchmal antworten wir und teilen ihr mit, dass wir das alles nicht schaffen. Manchmal kritisiert sie uns bei dem, was wir tun, ganz selten gibt sie uns vielleicht ein dezentes Kompliment, aber meist kommentiert sie wahllos unsere Aktvitaeten oder kritisiert uns.

Die Freiheit beginnt mit der Erkenntnis,
dass du nicht »der Denker« bist.
In dem Augenblick, in dem du den Denker
zu beobachten beginnst,
wird eine höhere Bewusstseinsebene aktiviert.
(…)
Du erkennst ferner, dass alles, was wirklich
von Bedeutung ist –
Schönheit, Liebe, Kreativität, Freude,
innerer Frieden –
seinen Ursprung jenseits des Verstandes hat.
Du beginnst zu erwachen.
– Eckhart Tolle

Es ist fuer uns, die wir diese Stimme in unseren Koepfen bereits angenommen und in unsere Normalitaet integriert haben, ein sehr schwieriges Unterfangen, sich fuer wenige Minuten in einem meditative Zustand zu versuchen. Die meisten von uns machen moeglicherweise die Erfahrung, dass die Stimme ununterbrochen weiterredet, auch wenn wir ihr vermittelt haben, dass wir nun einmal – sei es auch nur fuer wenige Minuten – abschalten wollen.
Deshalb sollte man meinen, dass es gar nicht so einfach ist, sich fuer den Frieden zu entscheiden, wie Eckhard es uns vorschlaegt. “Sicher sind Zitate leicht hingeklatscht und hoeren sich von aussen gut an, doch so etwas umzusetzen, das ist alles andere als leicht”, hoeren wir uns denken – und unser Denker haelt uns, mittels pseudorationaler Argumentation, erneut davon ab, uns auf den Frieden einzulassen.

Doch vielleicht geht es doch. Vielleicht koennen wir mit unserem Denker Frieden schliessen, und mit ihm gemeinsam unseren Frieden verwirklichen. Vielleicht muss nicht immer alles kommentiert werden, sondern wir duerfen den Augenblick erleben und geniessen, ohne uns gleich schuldig zu fuehlen, nur weil unser Denker uns vorwirft, dass wir jetzt keine Zeit zum entspannen haben.
Wie koennen wir das anstellen?

Ich denke, ein erster grosser Schritt, der uns bei der Entscheidung fuer unseren Frieden helfen kann, ist die Erkenntnis, dass die Denker in uns nicht wirklich wir sind. Natuerlich sind sie Teil von uns, aber sie machen unser Wesen nicht aus. Wenn wir das erkannt haben, und verstehen, dass der Denker beispielsweise nur so misstrauisch ist, weil er selbst einmal verletzt worden ist, oder dass er immer alles kritisiert, weil er denkt, er muss aeusseren Anspruechen genuegen – wenn wir das erkannt haben, dann koennen wir entscheiden, dem Denker in uns zu vergeben und behutsamer mit ihm umzugehen.
Wenn er Angst vor dem Versagen hat, dann ermutigen wir ihn, wenn er sich einsam fuehlt, sind wir fuer ihn da, aber auch, wenn er sich freut oder sich noch etwas wuenscht.
Wir koenne mit unseren Denkern Frieden schliessen, und ihm ein guter Freund werden, denn dann verlernen wir diese destruktive Selbstkritik oder Furcht, die er manchmal ausstrahlt. All seine Denkmuster sind erlernt, und nur dadurch, dass wir ihm vergeben und mit ihm Frieden schliessen, kann er neue, liebevollere Denkmuster erlernen, die uns den Weg in den Frieden oeffnen.

Heute entscheide ich mich fuer den Frieden.

Kristmas in Kampala

Aus obskuren Gruenden findet Weihnachten dieses Jahr in Kampala statt. Und das ist eine wirklich fabelhafte Grossstadt, die nur so vor Leben und Bewegung spriesst. Der Unterschied zu Kigali ist gewaltig – letztere ueberschaubar und sauber, Kampala hingegen gigantisch und manchmal unangenehm dreckig. Wohlmoeglich ist es nur die Unbequemlichkeit, die in mir spricht, und sich dem Neuen hilflos ausgeliefert fuehlt – in Kigali war das Leben zur Gewohnheit geworden, Kinyarwanda zur Umgangssprache und der beste Kaffee zum gelegentlichen Verwoehnprogramm. Kampala hingegen widersetzt sich der eingespielten Routine – ich verstehe kein Wort Luganda, muss mit “muzungu”-Preisen leben und tue mich schwer mit Ess- und Trinkbarem. Aber das ist der Clou – das Unbekannte, das Neue, die Reisen – all das bricht den Zyklus der Routine und fordert dich heraus. Auch wenn es manchmal unangenehm ist – z.B. wenn dir jemand deine Lieblingskette vom Hals reisst waehrend du auf dem Moto sitzt – ist eine Reise auch immer ein Schritt zu dir selbst. Es heisst, die Art und Weise, wie jemand dich behandelt, sagt nichts ueber dich selbst aus, sondern ueber den/die andere/n. Die Frage ist vielmehr, wie du reagierst – Wie gehst du mit der neuen Situation um? Gehst du auf die Menschen zu, anstatt von ihnen weg? Gehst du hinaus in die Natur anstatt dich aus Furcht vor Sonne und Diebstahl einzusperren? Es bleibt immer Raum zum Lernen, sei es von anderen ueber andere oder ueber dich selbst. Weihnachten in der aequatorial-bruetenden Hitze unter der Kampalischen Sonne laesst nicht viel Raum fuer die altgewohnte Stimmung. Das Bewusstsein hingegen, dass diese Zeit ein Geschenk ist und du es mit jemandem verbringen darfst, den du liebst, ist unbezahlbar. Heiligabend war in Kampala ein Candle-Light Dinner auf dem Balkon eines billigen Motels, einer Flasche Wein, guter Musik und philosophischen Traeumereien. Weihnachten ist dieses Jahr die Liebe zum Wachstum, zur Empathie, zum Teilen, die Liebe zum Wandern und Entdecken, zum Nachdenken und Suchen.
Vielleicht ist es das immer, das ganze Leben hindurch.
Vielleicht kommt aber das Bewusstsein darueber nur in besonderen Momenten ans Tageslicht, wenn wir selbst aufgefordert sind, zu handeln oder zu reagieren. Welchen Weg werden wir einschlagen?

Flugzeuge im Himmel und Fernweh

Wenn ich abends rausgehe, Sterne am Himmel von der Unendlichkeit des Universums erzählen, der Mond zu mir herunterlächelt und die Lichter der Stadt den Horizont vom Leben & Treiben rot-gelb aufleuchten lassen, habe ich eine seltsame Ruhe in mir. Ich ziehe an meiner Zigarette und beobachte Flugzeuge, die wie bewegte Sterne die Welt erreichbar machen. Ich sehne mich an einen anderen Ort. Heute Artikel über die DRKongo ge-updated – wie gerne wäre ich jetzt dort und würde mein Herz für Frauen öffnen, deren Stimmen einfach nur gehört werden möchten. Um im nächsten Moment an Kambodscha zu denken und sich vorzustellen,” ich könnte doch mal”….

Es tut gut, sich dem Fernweh hinzugeben, und gleichzeitig kann es schaden, wenn wir vergessen, wozu wir hier sind. Sich immer an einen anderen anderen Ort zu sehnen, deutet doch darauf hin, das etwas nicht stimmt.

Ich bin gerade in Washington! Je öfter ich mir das selbst gewissermaßen vorwerfe, desto beschämter werde ich, wenn mich wieder einmal dieses verflixte Fernweh heimsucht.

Gehe raus!

Ich muss irgendetwas tun, “diese Chance nutzen”, egal was, rausgehen, hauptsache etwas sehen, um dann im Anschluss davon erzählen zu können, genauso, wie es erwartet wird. Gehe in Museen, schaue mir Bilder an, gehe in Gallerien, ins Holocaust Memorial, spazieren… Die Bilder bleiben in meiner Erinnerung, doch mein Herz war nicht so ganz bei der Sache. Deswegen verschwimmen die Erinnerungen, so schnell sie auch aufgesaugt wurden.

Doch was die Erfahrungen erst mit Leben füllen, sind die Geschichten von Menschen. Mit den Menschen reden, der Mann im Bus, der unaufhörlich von seinem Job und die Situation im Kivu-Gebiet sprechen möchte, nachdem ich ihm erzähle, dass ich bei Genocide Watch Praktikantin bin.

Die Frau bei der Vernissage, die einfach nur vorbeigestolpert ist, und doch so glücklich über die kleinen Dinge im Leben ist, von den Farben erzählt, die sie berühren, von Geheimtipps der New Yorker Museen und wie Sprachen doch Weltbilder repräsentieren können.

Der Mitarbeiter im Büro, der immer Witze macht und sich Späßchen erlaubt, um die Genocide Watch-Praktikantinnen zu necken, und von seiner Arbeit im Menschenrechtsbereich in einer burundischen NGO seine Erfahrungen teilt.

Wenn ich mir die Geschichten durch den Kopf gehen lasse, so berühren sie mich, und lassen etwas in mir. Da wird mir wieder klar, dass ich gar nicht auf der Suche bin, sondern ständig in Bewegung.

Denn es geht um Begegnungen.

Seltsam. Es fühlt sich wie eine neue Erkenntnis an, doch ich wusste es schon vorher, als ich noch jünger und – das mag ich gar nicht ausschreiben: “naiver” oder unerfahrener – war.

Ich habe das Gefühl, dass irgendwann im Leben eine Zeit kommt, in der wir keine wirklich neuen Erkenntnisse machen, sondern lediglich alte, die wir in der Kindheit und Jugend so enthusiastisch wahrgenommen haben, wiederentdecken – und diese lediglich als neue Erfahrungen ausgeben. Während wir doch tief im inneren schon damals wussten, dass es um Liebe geht.

 

PS: das Titelbild ist bei einem Spaziergang entstanden, bei dem plötzlich alles so einleuchtend war.

Lobbying in Washington D.C.

Nein, das machen andere. Ich kann so etwas nicht.

Ich war lange Zeit der Überzeugung, dass so etwas wie Lobbying nicht das Meine sei. Ich sei nicht rhetorisch gewandt genug, nicht selbstbewusst genug, noch hatte ich überhaupt genug Ahnung von dem, wofür ich mich seit Jahren einsetze. Bis ich heut wieder mit meiner Lebensdevise “Einfach mal machen!” konfrontiert wurde.

Für den Nachmittagsplan der Sudan Emergency Summit stand heute Lobbying in verschiedenen Gruppen bei verschiedenen Abgeordneten im Capitol an. Das klang für mich schon auf dem Papier so wichtig und so anspruchsvoll, dass ich mir sicher war, ich werde am Nachmittag wohl eher irgendwo spazieren gehen und mir die ganze Sudangeschichte noch einmal durch den Kopf gehen lasse.

Doch ich wurde von heutigen Reden inspiriert.

Mukesh Kapila, Sonderbeauftragter des Aegis Trust für die Bekämpfung von Verbrechen gegen die Menschheit, war lange Zeit mit den UN im Sudan tätig und war der erste, der den Genozid in Sudan aufgedeckt hat. Er erzählte mit brennendem Eifer, was seiner Ansicht nach im UN-System falsch läuft. Kofi Annan, der zur Zeit des Völkermordes in Ruanda Sonderbeauftragter für Peacekeeping war und das 11th January Cable von General Romeo Dallaire zurückwies – welches den Völkermord frühzeitig hätte aufhalten können; sei mitverantwortlich an mehreren Völkermorden gewesen – und erhält schließlich den Friedensnobelpreis. Während der Verhandlungen über ein Sudanesisches Friedensabkommen saß Mukesh mit zahlreichen internationalen Diplomaten an der Bar – und während hinsichtlich des Abkommens nichts passierte, disskutierten die Genießerdiplomaten, wer wohl den Friedensnobelpreis bekäme.

Viele Aktivisten leben für die Laufbahn, und verlieren dabei die Mission aus den Augen: die Menschen.

Als dann Carl Wilkens über den Ausbruch des Völkermordes in Ruanda erzählte, einer Zeit, in der er vier Jahre lang in Kigali gelebt hatte, und sich von seiner Familie getrennt hat, um sie außer Land zu bringen, selbst aber zu bleiben, um Waisenhäuser mit medizinischen und ernährungstechnischen Mitteln zu beliefern, war eines für mich klar.

Schon allein dabei zu sein und es zu versuchen, war es wert.

Also schloss ich mich einer wundervollen Frau an, Cory, die meine Weggefährtin und enge Herzensverwandte diesen Nachmittag wurde, mit der ich mich stundenlang unterwegs über Aktivismus, Rassismus und Friedensaussichten unterhielt und die mir einen der erfolgreichsten und motivierendsten Lebenserfahrungen mit auf den Weg gab.

Wir gingen zu zweit ins Büro von Senator John McCain, um seinen Mitarbeitern unser Anliegen [Darfur] breit darzulegen, und wie der Geist der Gerechtigkeit und der Idee wieder in mich kam, so verließ mich alle Angst, etwas falsch zu machen, und ich sprach von deutscher Politik, der immer breiter werdenden internationalen Öffentlichkeit (deren lebender Beweis ich u.a. war) und den möglichen politischen Folgen von Nicht-Handeln, sowohl für die gesamte Region als auch für die Weltgemeinschaft.

Zwei weitere Abgeordnete aus Arizona, Cories District, musste noch an unser mittlerweile eingeschweisstes Team-Spirit glauben, und je mehr wir mit ihnen sprachen, desto mehr wurde mir bewusst: wir können das.

Wir können gemeinsam etwas bewegen, etwas tun, das der Gerechtigkeit Geltung zollt. Und mit aller Energie der Liebe, die wir in uns tragen, dafür sprechen, wofür wir stehen.

Es ist keine Frage des Lebenslaufes oder der Fähigkeiten. Es ist eine Frage des Miteinander. Denn ein Verbrechen gegen die Menschheit an einem Ort wie Darfur, ist ein Verbrechen gegen die Menschheit auf dem ganzen Planeten.

SAMSUNG

Leben ist stärker als Tod.

Diese Worte bildeten den Abschluss des Panel Statements von Dr.Gregory Stanton und berühren die zahlreichen Aktivisten, die von al-Bashirs Genozidregime schon fast entmutigt sind. Zwanzig Jahre lang maltraitiert dieser schon seine eigene Bevölkerung, über 20 Jahre lang Genozide, Arabisierung, Rassismus gegen marginalisierte sudanesische Bevölkerungsgruppen: in Darfur, Nuba, Blue Nile, Kordofan. Und ein mindestens genauso langer Zeitraum der fehlende Wille der internationalen Gemeinschaft, den Völkermord al-Bashirs an der eigenen Bevölkerung zu verhindern.

Seit mindestens zehn Jahren versuchen verschiedene Advocacy Gruppen und Aktivisten Einfluss auf Regierungen zu nehmen, Hilfsmittel zu organisieren, Öffentlichkeit zu schaffen;

und doch war die ernüchterne Diagnose der vertretenen Redner, darunter Luis Moreno-Ocampo, Ken Isaacs, Nasredeen Abdulbari, Ahmed Hussain Adam, Abdalhaleim Hassan u.v.m. : es hat sich nichts getan. Al-Bashir hält den Völkermord durch die wahnwitzigsten Strategien am Leben: nun lässt er die Bevölkerung vehungern, indem er humanitären Organisationen den Zutritt versagt und regelmäßig Luftangriffe auf zivile Einrichtungen wie Märkte, Dörfer, Krankenhäuser oder Schulen fliegen lässt. Trotz der formalen Friedensvereinbarung mit dem Südsudan und vermeintlichen Gesprächen und Verhandlungen um Grenzstreitigkeiten, insbesondere um die ölreiche Region Abyei in Südkordofan, scheint al-Bashir eine ganz fatale (westliche!) Idee anzustreben: die Homogenisierung von Territorium und Bevölkerung, das Prinzip eines, wohlgemerkt islamistischen, Nationalstaats. Immer wieder wurde die Frage der Identität aufgegriffen, und immer wieder fragte ich mich [in Anbetracht der “Kampf der Kulturen”-Debatte], ob Islam und Christentum wirklich die ausschlaggebenden Identitätsdimensionen seien, die den Konflikt so determinieren. Immer wieder vermischen sie sich mit Nationalität und sogar Rasse bzw. Hautfarbe. Wie zentral kann das sein? Einzelpersonen der anwesenden Diaspora ließen anklingen, dass sie sich als Menschen “zweiter Klasse” behandelt fühlten, gar schlimmer, denn was sie von den Arabern unterschiede sei die schon lange entwertete dunkle Hautfarbe. Die Redner beschwerten sich darüber, dass man (als internationale Gemeinschaft) nur die Symptome zu behandeln versuche, nicht aber die Krankheit. Und da fiel mir auf, dass der “Kampf der Kulturen” vielleicht auch nur eine Beschreibung der Symptome war, und die Krankheit woanders lag.

Was mich im ersten Panel erschrocken hat, war die Tatsache, dass alle Redner, die dort vorne saßen, um über die Zukunft von Sudan zu sprechen, Männer waren. Vertreter der SLMA – Diaspora, SPLM und sudanesische Aktivisten. Bis plötzlich Frauen aus dem Publikum aufsprangen und sich über den Ausschluss von Frauen und Kinder-Stimmen in all diesen Verhandlungen beschwerten. Stanton bemerkte auch – ganz in Einklang mit feministischen Theorieansätzen – dass es in der Geschichte nie Frauen waren, die einen Genozid strategisch geplant haben.

Doch die Anwesenden sind sich sicher: Gerechtigkeit wird siegen, denn Gerechtigkeit ist die Institutionalisierung von Liebe. Bashir wird nicht mehr lange haben.

Träume verwirklichen.

„Was wünscht ihr euch von ganzem Herzen?“,

habe ich meine Freunde gefragt, als wir am Neujahrsabend zusammensaßen und genüsslich Schokoladenfondue mit Bananen verzehrt haben. Zouzou schaute mich verwirrt an. „Wie meinst du das?“, sagte G zu mir. Rule griff nach dem Gin. Ich hätte nicht erwartet, dass diese Frage so eine peinliche Stille – oder war es eher Unbehagen? – provozieren könnte.

„Naja, ich meine, was sind eure Träume? Was wünscht ihr euch?“ – „Reich werden,“ sagte G zu mir, „zählt das auch?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein Leute, jetzt ist doch ein neues Jahr, ein Neubeginn, in unserer Familie machen wir uns immer Gedanken, darüber, was wir dieses Jahr verändern wollen oder auch nicht, wofür wir dankbar sind, und so.“ Immernoch betretenes Schweigen.

Zouzou zögerte. „Also ich..“, sagte er vorsichtig, „ich wollte schon immer malen. Früher, da hab ich viel gemalt, in der Schule musste ich immer an die Tafel und das Tafelbild machen, weil ich der beste Künstler der ganzen Schule war,“ erzählte er mit Begeisterung, „aber jetzt, wo das Leben andere Herausforderungen an uns stellt, fehlt einfach die Zeit und der Antrieb.“ Und so plötzlich, wie die Begeisterung in seiner Stimme erflammen war, erlosch sie auch wieder im Angesicht des Alltags. „Ja, du bist wirklich ein großer Künstler“, sagte ich zu Zouzou, „du musst unbedingt weiter machen, Zouzou.“

Rule sagte voller Stolz – „Also ich habe Glück. Mein Cousin, der hat mir finanziellen Zuschuss versprochen, wenn ich die Hälfte des Geldes erspare, das ich für den Führerschein brauche. In 3 bis 5 Monaten werde ich es schaffen. Stellt euch vor, Rule als Chauffeur!!!“

Und wir lachten alle voller Freude. Das war ein ganz starker Charakterzug von Rule. Seine Freude an den Kleinigkeiten, sein Eifer und Mut und sein unbrechbarer Wille. Er war früh Waise geworden und musste die Schule (ab 6.Klasse) abbrechen, um sich selbst auf Geldsuche zu begeben. Seitdem arbeitet er als Convoyeur bei dem Busunternehmen Atraco in Kigali.

(Kurzer Exkurs: Der öffentliche Transport findet vor allem in Nyamirambo in kleinen Bussen statt, die wunderbar farbenfroh bemalt und verziert sind, in jedem Bus ist Platz für etwa neun bis 15 Menschen, und es arbeiten je 2 Leute pro Bus – der Fahrer und der Convoyeur: das ist derjenige, der die Türen öffnet und schließt, die Leute einsammelt/anlockt und das Geld eintreibt)

Ich fand es so stark von ihm, dass er diese Zielstrebigkeit an den Tag legte, und habe ihm später einen Zuschuss von meinem Taschengeld gegeben, damit er den Führerschein machen konnte. Über die Bedeutung meiner Tat kann man natürlich streiten, ob ich nun wieder die Weiße mit dem vielen Geld war, die den armen ruandischen Jugendlichen bei der Erfüllung ihrer Träume „helfen“ wollte [alles Begrifflichkeiten, die mit der Geber-Nehmer-Perspektive zwischen Nord und Süd verbunden sind], oder ob ich eine Freundin war, die sonst nicht immer flüssig war, aber in einem bestimmten Zeitpunkt die Möglichkeit genutzt hat, Rule zu unterstützen.

All diesen moralischen Fragen/Vorwürfen, und was es impliziert, dass ich ihm letztendlich Geld gegeben habe, muss ich mich letztendlich auch stellen, das sehe ich vollkommen ein. Ich habe mir natürlich darüber Gedanken gemacht, wie es nun wirken mag, habe mich bemüht, es heimlich – nur unter uns – abzuwickeln, habe lange mit mir selbst gehadert, bevor ich ihm meine Idee vorschlug.

Doch letztendlich bereue ich nichts, weil das Geld da ankam, wo es sollte, Rule hat seinen Führerschein (er hätte ihn auch ohne meine Hilfe bekommen!!) und er hat sich gefreut.

Mit Zouzou ging ich am nächsten Tag auf den Markt und frage ihn – „Was braucht man, um ein Atelier zu machen?“ – er schaute mich verdutzt an.

Das Resultat bekommt ihr hier zu sehen.

Mama Africa First Painting King Rwabugiri

Lesson learned: das Gefühl, das dich erfüllt, wenn du gibst. Nicht aus wohlverstandenem Eigeninteresse des Gewissens, sondern aus dem Doppeleffekt, den das Geben vollzieht. Wenn du von ganzem Herzen gibst, oder etwas tust, das anderer glücklich macht und ihren Träumen näher bringt, dann strahlt es auf dich zurück, und du selbst strahlst auch.

Vielleicht muss es nicht Silvester sein. Vielleicht ist heute der perfekte Tag, um einen lieben Menschen zu fragen “Was wünscht du dir von ganzem Herzen?”. Du wirst dich wundern, dass sie oder er zunächst verdutzt sind. Denn wie selten kommt es vor, dass wir so eine Frage aufrichtig gestellt bekommen? Dabei ist es doch so einfach, sie gemeinsam zu beantworten.

Karibu in Amahoro City!

Amahoro City ist ein fiktives Projekt, das ich mit den Kindern aus meinem Kunstkurs initiiert habe. Es geht hierbei weniger um bestimmte Tätigkeiten, sondern um die Idee, einen Ort in unserem Bewusstsein zu haben, an den sich die Kinder zurückziehen können und den sie so gestalten können, wie sie sich ihre Traumwelt vorstellen. Das gute an Amahoro City ist, dass der Ort für jeden offen ist, der dorthin möchte. Gerade deshalb befindet sich die Stadt in einer rasanten Wachstumsphase, die bisher in kürzester Zeit alle Rekorde gebrochen hat. Das Bruttoinlandsglück, der für den Erfolg der Metropole ausschlaggebende Maßstab, übersteigt alle bisher bekannten Werte. Auch die Mentalität, die Amahoro City ausstrahlt, greift in alle Lebensbereiche über. Die beste Konfliktlösungsstrategie bei Lappalien ist bei uns ein „Amahoro“ mit anschließendem obligatorischen Gruppenkuscheln. Die Tagesaktivitäten bei uns dienen einzig unserem Wohlbefinden und unserem geistigen Wachstum. So nutzen wir meist die Morgenstunden, um uns in Kunstfertigkeiten zu üben und sehenswerte Produkte für den Eigenbedarf herzustellen. Unsere Energie gewinnen wir aus selbst entworfenen, höchst effektiven Windkrafträdern, die über ganz Cyahafi und Kimisagara verteilt errichtet wurden. Um das Wohlbefinden zu maximieren, welches bei uns höchste Priorität hat, nutzen wir regelmäßig Musik und Tanz, die wir durch eigens hergestellte Instrumente natürlich noch zu verbessern suchen.

Körperlich halten wir uns hier durch Laienakrobatik im Garten fit, sowie durch Fußball, Frisbee, und Spielinnovationen, wie zum Beispiel das altbewährte Schubkarrenrennen, oder das abgewandelte „Nkunda Amahoro mu Rwanda! Stop!“ – aus dem in deutschen Grundschulen weit verbreiteten Drehwurmspiel. Neue Aktivitäten finden sich immer, denn wir laufen mit Kindesaugen durch die Welt und finden einfach Möglichkeiten, unser Kapital, das Wohlbefinden, zu maximieren. Investitionen in Form von Liebe, Aufmerksamkeit und Interesse lohnen sich durchaus, denn das oben erwähnte Wachstum der Stadt verspricht noch Großes. Amahoro City – der Hoffnungsträger einer besseren Welt!

Bewohner von Amahoro City

Shema ist 12 Jahre alt. Er lebt mit seinen Eltern und seinen Geschwistern in Kimisagara. Er hat 2 Brüder und 2 Schwestern. Besonders gefallen ihm Fußballschuhe. In der Schule liebt er den Englischunterricht, deswegen spricht er auch im Alltag gerne mal Englisch. Seine Lieblingsmusikrichtung ist R’n’B. Sein größter Wunsch ist, später mal Präsident von Ruanda zu werden. Ansonsten würde er im Leben gerne mal Pirat sein. Er möchte auch nach Amahoro City ziehen, und baut demnächst sein neues Heim dort.

Mutesi ist 10 Jahre alt. Auch sie lebte mit ihren Eltern und ihren zwei Brüdern in Kimisagara, nahe Nyabugogo. In ihrer Freizeit malt sie gerne. Ihr Lieblingsfach ist Englisch. Ansonsten hört sie gerne R’n’B – Musik. Am liebsten würde sie Premierministerin werden, wenn sie groß ist. Ihr größter Lebenswunsch ist ziemlich simpel und doch aussagekräftig – sie wünscht es sich, zu leben. Zu Amahoro City, in der sie eine der ersten Bewohner war, möchte sie sagen, dass man hier alle Menschen liebt.

Innocent ist 12 Jahre alt. Er hat lange vor seiner Zeit in Amahoro City mit seinen Eltern, seiner Schwester und seinen zwei Brüdern in Cyahafi gewohnt. Am meisten Spaß macht ihm das Lernen. Deshalb ist sein Lieblingsfach in der Schule auch Mathematik. Musikmäßig geht er vor allem zu Hip Hop ab, am liebsten den alten ruandischen. Sein größter Wunsch ist es, zu leben. Deshalb hat er sein neues Heim auch in Amahoro City gebaut. Im Leben selbst, möchte er erreichen, ein gutes Leben zu führen. Zu seinem neuen zu Hause, Amahoro City, möchte er loswerden, dass man alle Lebewesen liebt.

Thierry ist 9 Jahre jung. Gemeinsam mit seinen Eltern, seinem Bruder und seiner Schwester hat er lange Cyahafi unsicher gemacht, bis er sich entschieden hat, nach Amahoro City zu ziehen. Er liebt jede Art von Ballspielen. In der Schule aber konzentriert er sich auf das Wesentliche und bevorzugt den Englischunterricht. Seine Lieblingsmusik ist amerikanischer R’n’B. Der größte Wunsch, den er momentan hat, ist Auto fahren zu lernen. In seinem Leben möchte er einmal reich werden und genug Geld haben, sich seine Wünsche zu erfüllen. Sein guter Rat an alle, die noch nicht in Amahoro City wohnen, ist, dass man anfangen soll, zu lieben.

Der kleine Pierro ist 8 Jahre alt. Er lebt noch mit seinen Eltern und seinen Geschwistern, das sind 2 Brüder und 2 Schwestern, in Kimisagara. Am allerliebsten nutzt er seine Freizeit, um Fußball zu spielen. Aber auch Sprachen findet er super, und so hat er einen großen Spaß, in der Schule Englisch lernen zu dürfen. Am derbsten flasht ihn so richtig guter Hip Hop, vor allem aus Amerika. Irgendwann will er sich mal ein Auto kaufen können, davon träumt er schon lange. Doch im Leben hat er sich zum höchsten Ziel gesetzt, zu lachen. Er wohnt noch nicht in Amahoro City, aber schon bald schlägt er sein Lager dort auf.

Jack ist 9 Jahre alt. Er hat beide Elternteile, einen Bruder und eine Schwester. Mit ihnen hat er vor seiner Zeit in Amahoro City in Kimisagara gelebt. In seiner Freizeit liebt er es am meisten, zu malen. Aber in der Schule, wenn es so richtig an die Arbeit geht, da liebt er Englisch. Tanzen kann er gut, vor allem zu R’n’B. Sein größter Wunsch ist es, mal Lehrer zu werden, dann kann er sein Wissen und seine Liebe weitergeben. Denn das Leben möchte er nutzen, um zu lieben. Für Amahoro City bleibt ihm nur der Wunsch, einmal tatsächlich dort zu sein.

Jimmy, 8 Jahre alt, lebt noch mit Mama, Papa und Bruder in Cyahafi, wünscht sich aber, bald schon in Amahoro City zu leben. Er liebt Autos und deshalb fangen jedes Mal, wenn er an der offenen Autowerkstatt vor Nyabugogo vorbeigeht, seine Augen zu glänzen an. In der Schule macht ihm das Englischlernen am meisten Spaß, denn auch seine Lieblingsmusik, Hip Hop, ist meistens in dieser Sprache. Wenn er sich einen Wunsch erfüllen könnte, dann wäre er einmal Pirat. Aber vom Leben möchte er nichts weiter, als zu leben.

Abudu ist schon 13 Jahre alt und hat vor Amahoro City in Kimisagara gelebt, mit seinen Eltern, seinen 2 Brüdern und seinen 2 Schwestern. Am meisten Spaß hat er an allen Spielen, die mit einem Ball zu tun haben. Weil auch er Hip Hop so sehr liebt, ist sein Lieblingsfach in der Schule Englisch. Sein größter Wunsch ist es, eines Tages mal Minister zu sein, denn dann kann er das Leben in Ruanda mitgestalten. Sein Lebensinhalt ist aber ganz einfach, zu leben. Er sagt über Amahoro City, dass er gerne hier lebt.

Mariam ist erst 5 Jahre alt, aber hat sich schon früh dafür entschieden, nach Amahoro City zu ziehen. Sie lebte vorher mit ihren Eltern, ihrer Schwester und ihren 4 Brüdern in Cyahafi. Sie liebt Gott und Jesus. Ansonsten tanzt sie gerne, und essen ist auch eine ihrer Leidenschaften. Musikmäßig steht sie auf die alten ruandischen Klassiker wie Meddy und King James. Aber sie würde gerne mal Händlerin werden. Vielleicht sogar in Amahoro City. Im Leben wünscht sie sich vor allem Liebe. Was sie zu Amahoro City zu sagen hat, beläuft sich auf 2 einfache Wörter: „Frieden“ und „lasst uns leben!“

Alle, der 6 Jahre alt ist, hat mit seinen Eltern, seinem Bruder und seinen beiden Schwestern in Cyahafi gelebt, bevor er nach Amahoro City gekommen ist. Er liebt Gott, und vor allem das Malen. In der Schule hat er den meisten Spaß am Schreiben. Musik findet er klasse, vor allem, weil er gerne selbst welche macht oder machen will. Deshalb wünscht er sich auch, Gitarre spielen zu können. Dann kann er in seinem Leben vielleicht sogar Superstar werden, denn das wäre das Stärkste für ihn.

 

Elisse ist schon sieben Jahre alt. Sie hat lange in Cyahafi gelebt, und das mit ihren Eltern, ihren zwei Schwestern und ihren sechs Brüdern. In ihrer Freizeit liebt sie es, zu malen, und vor allem Papierboote zu basteln. Auch der Englischunterricht ist für sie immer wieder eine Freude. Am meisten hört sie die ruandischen Lieder von Meddy, King James und Chanel, manchmal singt sie sogar selbst dazu. Ihr größter Wunsch ist es, noch mehr zu lernen, egal worüber, am besten alles. Im Leben will sie am liebsten einfach nur malen. Zu Amahoro City aber sagt sie ganz einfach: „die Häuser dort sind sehr schön“.

Wir, die Bewohner von Amahoro City, freuen uns über einen Besuch von euch, denn ihr seid alle herzlich Willkommen in unserem kleinen Herzensort.