Die herausragende Bedeutung von Identität

In meiner eigenen persoenlichen Laufbahn, wie auch in meinem Bildungsweg, bin ich allzu oft auf den Begriff der Identitaet gestossen. Obwohl es sich um ein sehr schwammiges und unklar definiertes Konzept handelt, ist mir aufgefallen, dass Identitaet sowohl auf Mikroebene als auch im globalen Rahmen von immenser Bedeutung ist. In fast allen persoenlichen und politischen Konflikten spielt sie eine Rolle, sei es als Katalysator, als Abgrenzungsmerkmal oder gar als vermeintlicher Ausgangspunkt von Auseinandersetzungen.
Doch was macht Identitaet so bedeutsam fuer das Individuum und gleichzeitig manchmal so verheerend fuer soziale Interaktionen? In meiner persoenlichen Reflexion moechte ich mich etwas tiefgehender mit bestimmten Aspekten von Identitaet auseinandersetzen.

Dominanz des Mannes?
An meinem ersten Tag an der Kigali Independent University (ULK) fand eine grosse Einfuehrungsveranstaltung in der Uni-Arena statt, um die neuen StudentInnen in das akademische Leben einzufuehren, sowie um die entscheidenden Persoenlichkeiten der Universitaet vorzustellen. Darunter befanden sich Dozenten sowie der “harte Kern” der Gruender, Praesidenten, Direktoren und administrativen Mitarbeitern. Als all diese wichtigen Personen vorne auf der Buehne standen, war ich geschockt – denn es befand sich keine einzige Frau unter ihnen. Die kleine, gut gekleidete Gruppe dort vorne war ein reiner Maennerclub!
“Und das in einem so fortschrittlichen Land wie Ruanda” , dachte ich mir und war ploetzlich leicht enttaeuscht. Das bedeutet natuerlich nicht, dass Gender Equality im Allgemeinen vernachlaessigt wird (Ruanda hat einen beeindruckenden Frauenanteil von ueber 50 % im Parlament), aber es mag ein Zeichen fuer junge StudentInnen setzen, dass der hoehere akademische Bereich bereits vom starken Geschlecht besetzt ist. Ich erinnere mich jedoch an den Workshop zur Transitional Justice, an dem eine starke Professorin der Nationalen Universitaet hoechste Kompetenz in ihren Beitraegen ausstrahlte, und bemerke, dass es natuerlich einer Differenzierung bedarf. Die ULK ist eine private Universitaet und gilt als recht religioes und konservativ, wohingegen die Regierung starke Bemuehungen im Bereich der Repraesentation und Inklusion von Frauen macht. Es mag vielleicht ein Symptom des langsamen Voranschreitens sein, dass von der Regierung initiierte strukturelle und psychologische Veraenderungen der Gesellschaft erst langsam Fuss fassen. In den Koepfen zahlreicher gebildeter junger Menschen hat die Idee der Gender Equality bereits angedockt. Aber so wie auch in Deutschland noch immer Schwierigkeiten und Geschlechterrollen vorherrschen, ist es in Ruanda ein recht langwieriger Prozess. Im Folgenden moechte ich zunaechst eine kurze theoretische Einfuehrung geben, die ich im Rahmen eines online Kurses zu Gender & Diversity verfasst habe, um etwas tiefgehender auf Problematiken im ruandischen Alltag einzugehen.

Der Begriff des „Patriarchats“

Der Begriff des Patriarchats ist zunächst ein theoretisches Konstrukt, demnach war und ist sein Wesensgehalt durch fortwährende theoretische Auseinandersetzungen auch einer inhaltlichen Entwicklung unterworfen. So ist das Patriarchat im heutigen Sinne der feministischen Theorie als historisch gewachsene, soziale Gesellschaftsordnung unter einer androzentrischen Perspektiv- und Herrschaftsform zu verstehen. Aus einer soziologischen Perspektive heraus beinhaltet es Abstammungslinien, Autoritätsverhältnisse und nichtsdestoweniger politische wie industrielle Machtkompetenzen. Dies impliziert, dass es sich hierbeit nicht um ein „natürliches“ Konzept handeln kann. Es umfasst gesamtgesellschaftliche Asymmetrien in den Macht- und Gleichheitsbeziehungen, und kann dementsprechend auch nicht aus der Mikroperspektive begründet werden.
Dabei sind die vorherrschenden androzentrischen Geschlechterverhältnisse in soziale und psychische Strukturen internalisiert und haben unmittelbare Auswirkungen auf individuelles und strukturelles Handeln.
Für die feministische Theorie hat das Patriarchat eine wesentliche Bedeutung als bewusstseinsstiftendes Konzept. Mit dem Bewusstsein der Unterdrückung von Frauen durch Männer hat das Patriarchat maßgeblich zur Entwicklung und Stärkung des Feminismus beigetragen.
Die Auseinandersetzung mit dem Patriarchat muss jedoch von einer differenzierten Herangehensweise begleitet werden. Eine Problematik stellt dabei die Fokussierung auf die Rolle des Mannes als identitätsstifendes Zentrum der Frauenbewegung dar. Dies ist in gewisser Hinsicht reduktionistisch, da Identitäten grundsätzlich multidimensional begründet werden. Begleitet wird dieser fundamentale Dualismus zwischen Mann und Frau durch die Vernachlässigung alternativer Gesellschaftskonzepte, die sich nicht auf geschlechtsspezifische Prämissen stützen.
Darüber hinaus werden bei einer fokussierten Analyse und Beschäftigung mit dem Patriarchat kulturbedingte alternative Herrschaftsformen wie beispielsweise matriarchale Strukturen häufig vernachlässigt. So muss beachtet werden, dass die Beschäftigung mit dem Patriarchat durch eine Dialektik bestimmt wird, die sein antagonistisches Gegenkonzept, das Matriarchat, in Analysen und Vergleiche mit einbeziehen soll.
Problematisch erscheint in der theoretischen Diskussion aber vor allem die zirkulierende Begründung des Patriarchats, die von Eva Cyba (1998: Das Geschlechterverhältnis: traditional, modern oder postmodern?) näher beschrieben wird. Dabei unterliegen geschlechtsspezifische Asymmetrien einer gewissen Ursache-Wirkung-Verkehrung, bei denen nicht mehr deutlich ist, worin genau die konkreten Ursachen und Mechanismen der Unterdrückung der Frau liegen.

Afrikanische Gesellschaften werden oftmals als frauenzentrierte Gesellschaften beschrieben, in denen Frauen eine Schluesselrolle einnehmen. Andererseits werden sie ebenso haeufig als patriarchalisch, Frauen missachtend und unterwerfend beschrieben. Diese Ambivalenz resultiert aus dem altbekannten Problem der obeflaechlichen Betrachtung eines solch diversifizierten Kontinentes wie Afrika.
In Algeria kaempften die Frauen im Unabhaengigkeitskrieg von 1962 an der Seite von Maennern, waehrend sie in laendlichen gebieten Suedafrikas noch in den 1990er Jahren einige Schritte hinter ihren Maennern gehen mussten, um Respekt und Unterordnung zu verkoerpern. In einigen sozialen Gruppen, darunter Aethiopiens und Somalias, werden traditionelle Praktiken wie weibliche Genitalverstuemmelung aufrecht erhalten, waehrend die Seychellen als matriarchale Gesellschaft gelten, in der Frauen den Maennern gleichgestellt sind, und gar ueber alle wesentlichen familiaeren Enstcheidungen verfuegen.
In der DRC sind Frauen im Allgemeinen durch traditionelle und rechtliche Bestimmungen in ihren Moeglichkeiten beschraenkt, gar im Rahmen des aktuellen Konfliktes im Kivugebiet das Ziel von sexueller Gewalt und Unterordnung. In einigen Laendern und Gesellschaften war und ist Polygamie noch immer verbreitet, waehrend in anderen religioese und gesellschaftliche Normen dieses Verhalten aechten. In Uganda wurde traditionell von Frauen erwartet, dass sie niederknien, wenn sie zu einem Mann sprachen, waehrend es heute in Ruanda eine Untat ist, einer Dame keinen Sitzplatz anzubieten.
Diese kurze Gegenueberstellung zeigt bereits, dass es unmoeglich ist, von Frauenrollen in Afrika zu sprechen, ohne sie nach jeweiligen kulturellen und regionalen Gesichtspunkten zu differenzieren.
Insbesondere die “Vererbung” von (ethnischer) Identitaet nach patriarchalen Abstammungslinien ist ein interessanter Aspekt, der in dem jahrzehntelangen Genozid nach der Unabhaengigkeit Ruandas Bedeutung fand. In der Praxis begann der Genozid von 1994, welcher der Ausrottung der Tutsi galt, anhand der Ausweise, welche die jeweilige ethnische Zugehoerigkeit der Eltern angaben. Ausschlaggebend war zunaechst die Identitaet des Vaters, doch es wurde zunehmend nach aeusseren Kriterien verurteilt und getoetet. War ein Kind beispielsweise gross gewachsen, oder hatte eine lange Nase, konnte dies sein oder ihr Todesurteil sein. Dies zeigt zweierlei; einserseits, dass ethnische Identitaet in Ruanda ein leeres Konstrukt war, das sich aeusserlicher Kriterien bediente, andererseits, dass selbst patriarchale Formen der “Vererbung” ethnischer Identitaet mit dem Genozid erodierten. Nach 1994 fand eine Neudefinierung von Identitaet statt, die sich von Ethnizitaet und Patriarchat distanzierte. Insbesondere unter dem Erbe des Genozids, der eine Bevoelkerungsstruktur von ueberwiegend weiblichen Ueberlebenden hinterliess.

“Es war eine stille Revolution, doch sie hat die kleine Nation im Herzen Afrikas verwandelt.”
(Afrika: Die Starken Frauen, in Tagesspiegel, 12.12.2009, Phillipp Lichterbeck, online abrufbar unter: http://www.tagesspiegel.de/politik/geschichte/afrika-die-starken-frauen-von-ruanda/1647444.html)
Mit dieser neuen Herausforderung, vor der sich die ruandische Gesellschaft sah, war die Inklusion und der Aufstieg von Frauen in wesentlichen gesellschaftlichen Positionen eine Notwendigkeit. Deshalb findet man keinem Land der Welt mehr Frauen in entscheidenden Positionen als in Ruanda. Zahlreiche Unternehmen unterliegen weiblicher Fuehrung, wesentliche politische und lokale Posten ( gemaess dem gesetzlich vorgeschriebem Minimum von 30%) werden von Frauen besetzt, die Mehrheit der Haushaelte und Arbeitsplaetze geht an Frauen.
Natuerlich darf ein kritischer Geist fragen, wer tatsaechlich die langen Faeden in den Haenden haelt, aber das ist ein anderes Kapitel.
Allerdings kann festgehalten, dass Frauen in Ruanda nach dem Genozid eine führende Rolle im Wiederaufbau- und Konfliktlösungsprozess einnahmen. Aus einem Interview von Frauen ohne Grenzen mit der politisch aktiven Connie Bwiza Sekamana:

FoG: In Ruanda haben die Frauen, zumindest in der Politik, die gläserne Decke durchbrochen – davon sind wir hier noch weit entfernt. Wie konnte das erreicht werden?

CBS: Heute herrscht in Ruanda die Meinung vor, dass Frauen und Jugendliche die Stützen der Gesellschaft sind. Das kommt daher, dass sie in die kriegerischen Handlungen und in den Genozid der Vergangenheit nicht sosehr involviert waren. Daher waren sie auch die wichtigsten Figuren bei den traditionellen Versöhnungs-Verhandlungen (Gacaca). Frauen waren die wichtigsten Peace-Building-Instrumente.
http://www.frauen-ohne-grenzen.org/news/archiv/10/

Die Geschlechterrolle

Grundsätzlich ist die Zugehörigkeit zu einem biologischen Geschlecht in allen Gesellschaftsformen mit typischen Erwartungen an das Individuum verbunden; diese können gesamtgesellschaftliche Anforderungen an bestimmten Einstellungen, Eigenschaften und Verhaltensweisen des jeweiligen Geschlechts beinhalten.
Aufgrund unterschiedlicher mit dem Geschlecht einhergehender Daseinsvoraussetzungen und Lebensformen repräsentiert das biologische Geschlecht mithin eine grundlegende Variable zur sozialen Differenzierung, die in allen bekannten Gesellschaften Wirksamkeit entfaltet.
Zur Deskription dieser Anforderungen bedient man sich des Rollenbegriffes, der Erwartungen an bestimmte Positionen formuliert, dabei aber vom individuellen Verhalten abgekoppelt ist.
Der Begriff der Geschlechterrolle ist in dieser Hinsicht sehr weit gefasst. Nach Wurzbacher/Cyprian (s.o.) stellt sie die grundlegendste soziale Rolle dar, die auf alle Sozialbereiche ausstrahlt, vom Privaten, Familiären, über den Arbeitsplatz bis in die Öffentlichkeit.
Die Geschlechterrolle kann kulturabhängige Variationen aufweisen, die vom jeweiligen dominierenden Leitbild von Geschlechtlichkeit abhängen, den ihnen jeweils zugeschriebenen Aufgaben sowie der hierarchischen Ordnung der Beziehungen zwischen beiden Geschlechtern.
Somit beinhaltet die Geschlechterrolle Funktionen, Statusmerkmale und Persönlichkeitseigenschaften, die in verschiedenen Gesellschaften als selbstverständlich mit der Geschlechtszugehörigkeit einhergehend gelten. Somit wird durch sie festgelegt, wie sich die Geschlechter untereinander verhalten, nicht aber wie konkret sie sich in den gesellschaftlichen Institutionen zu verhalten haben.
Traditionelle Geschlechterrollen in Ruanda aehneln den deutschen sehr, wobei sie jedoch seit dem Genozid mehr und mehr erodieren.
Es ist auffaellig, dass Frauen grundsaetzlich mehr Lasten zu tragen haben als Maenner. Wahrscheinlich liegt darin ihre Zuschreibung der Schluesselrolle in vielen Gesellschaften.
Denn in Ruanda steht traditionell die Großfamilie mit ihren teils ueberlebenswichtigen Solidarstrukturen im Mittelpunkt.
Männer, Frauen und Kinder teilen sich die Arbeit im Familienbetrieb. Waehrend traditionell (das impliziert hingegen nicht, dass eine strukturelle Veraenderung im Gange ist) Maenner arbeiten und fuer den Gelderwerb zustaendig sind, sind Frauen grundsaetzlich fuer den Haushalt zustaendig, pflanzen und ernten Obst und Gemuese, Waschen und bringen Wasser. Heutzutage ist es grundsaetzlich nicht mehr so. Auch von Frauen wird erwartet, dass sie arbeiten. In der Praxis entscheiden sich viele aus aermeren Schichten fuer den Haushalt und fuer die Kindeserziehung. Meist bringen Kinder das Wasser, aber Familien, die sich ein/e Haushaelter/in (Umukozi) leisten koennen, sind von nahezu all jenen Aufgaben frei.
Waehrend mein Freund und ich in unserer recht alternativen Lebensweise lebten, kam es oftmals zu Kommentaren von Nachbarinnen, warum ich denn nicht fuer meinen Mann koche. Das sei in ihren Augen selbstverstaendlich. Doch unser bikultureller Lebensstil war davon gepraegt, gemeinsam alle Aufgaben zu meistern. Auch Freunde waren bei uns zu Hause oftmals eingeladen, gemeinsam zu kochen.
Frauen sind, wie im traditionellen Deutschland, für die Kindererziehung zuständig und gehörten traditionell nicht in die Öffentlichkeit. Bis auf Ausnahmefälle ist die ruandische Frau ihrem Mann oder Vater unterstellt und darf sich nicht in Anwesenheit von Männern zu Wort melden. Ihr Einflussbereich und ihre Macht liegen in der Familie.
Doch wie vorab bereits erwaehnt, hat der Genozid die Verhaeltnisse umgedreht, denn viele Frauen mussten aufgrund der Abwesendheit ihrer Männer und Väter die Aufgaben des Familienoberhaupts übernehmen.

Probleme für die Gesellschaft aufgrund der Geschlechterrollendifferenzierung

Schon vor fast 40 Jahren haben Wurzbacher und Cyprian Geschlechterrollen als eine von der Gesellschaft allgemein weit gefasste, grundsätzliche soziale Rolle definiert (Gerhard Wurzbacher; Gudrun Cyprian (1973): Sozialisationsmängel der Kleinfamilie mit besonderer Berücksichtigung der Bundesrepublik Deutschland. In: BMJFG Probleme der Familie und der Familienpolitik in der BRD, Bonn) . Nach der oben erläuterten Definition regelt die Geschlechterrollendifferenzierung nicht das situative Verhalten und die geschlechterrollenbezogene Identität, sondern – wie erwähnt – nur allgemein gehaltene Anforderungen an stereotype Geschlechterrollen.
So findet sich der oder die Einzelne nur schwer in der ihm oder ihr zugeschriebenen Rolle wider. Das Individuum findet vielmehr ein vorgegebenes Konstrukt von Geschlechterrollen vor, welches aktive Ausgestaltungs- und Anpassungsleistungen der betroffenen Subjekte in die vorgegebenen Rollen fordert.
Also ist jedes Individuum mit der Aufgabe konfrontiert, die gesellschaftlichen Erwartungen selbstständig zu interpretieren, zu konkretisieren und mit eigenen Interessen bzw. Voraussetzungen in Einklang zu bringen.
Damit einher gehen – aufgrund der vielfältigen Differenzen in der subjektiven Ausgestaltung der Geschlechterrolle – unterschiedliche Formen der Ausgestaltung jener allgemeiner Rollenvorgaben, die wiederum zu unterschiedlichen Formen geschlechtsrollenbezogener Identität führen.
Ein Problem des Geschlechterrollenkonzepts liegt außerdem in der mangelnden inhaltlichen Ausgestaltung hinsichtlich ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft, ihrer Institutionen und Funktionsbereiche. Es regelt lediglich die Beziehung zwischen den Geschlechtern untereinander. Doch tatsächlich agieren die Geschlechter nicht ständig nur untereinander, sondern auch unabhängig voneinander in der Gesellschaft. Dies muss bei der Anwendung und Analyse von Geschlechterrollen berücksichtigt werden.
Weiterhin strahlt die geschlechterspezifische Arbeitsteilung auf alle Lebensbereiche von Männern und Frauen aus und erzeugt eine wechselseitige Rückkopplung in der Hierarchie der Geschlechter zwischen Familien- und Arbeitswelt. Somit beeinflusst die geschlechterspezifische Arbeitsteilung auch im öffentlichen Raum die Macht- und Einkommensverteilung. Damit einher geht eine Statusdifferenzierung zwischen Mann und Frau. Insbesondere im Zuge der Industrialisierung hat sich eine verstärkte räumliche und qualitative Trennung in den jeweiligen Arbeitsfeldern von Mann und Frau herausgebildet. Dabei übernimmt die Frau zu Hause Aufgaben der Reproduktion und der Mann in der Wirtschaft die produktiven Aufgaben. Die räumliche Trennung drückt sich dabei vor allem dadurch aus, dass Männer grundsätlich im Berufsbereich, Frauen hingegen im Bereich der Familie ihre jeweilige persönliche Erfüllung wahrnehmen.
Dieses festgefahrene, historisch bedingte Muster geschlechterrollenspezifischer Arbeitsteilung kann nur aufgebrochen werden, wenn ein Wandel in in den konstruierten Geschlechterrollen stattfindet.
In Ruanda lässt sich bereits ein positiver Trend diesbezüglich wahrnehmen, so beispielsweise die verstärkte geschlechterneutrale Definition von Berufsbildern und –aufgaben. In vielen Familien, insbesondere der Bildungseliten, wird außerdem das Verhältnis zur Kindererziehung und Haushaltsaufgaben neu definiert und eine – den individuellen Familienverhältnissen angepasste Arbeitsteilung praktiziert, die sich von gesellschaftlich festgefahrenen Geschlechterrollen abgrenzt.
Kleine Veraenderungen in der oeffentlichen Wahrnehmung sind Indizien dafuer. Es ist beispielsweise nicht mehr ungewoehnlich, ein junges Ehepaar anzutreffen, in dem der Vater das Kind auf den Schultern oder in den Armen traegt. Es ist auch nicht mehr denkbar, Kinder aufgrund ihres Geschlechtes nicht in die Schule zu entsenden. Dennoch spielt der soziale Status und das Einkommen eine wichtige Rolle in dem alltaeglichen Familien-/ und Sozialverhalten. In Cyahafi, dem wohl aermsten Stadtteil Kigalis, ist es moeglich, auf Situationen zu treffen, in denen Vaeter im benachbarten Pub ein Bier nach dem anderen trinken, waehrend Kinder keine Unterstuetzung fuer den Schulbesuch erhalten. Doch auch dieser Umstand wird von der Regierung beachtet, die plant, die Verletzung der allgemeiner Schulpflicht fuer die Sorgepflichtigen strafbar zu machen.

Dieser kurze Ueberblick ueber Geschlechterrollen in Ruanda soll keine Lobeshymne an die Regierung darstellen, obwohl ein Grad an Respekt und Anerkennung fuer ihre Bemuehungen angemessen ist. Fuer mich gibt es noch immer zahlreiche Bedenken, einerseits darueber, ob die Macht tatsaechlich so dezentral und egalitaer organisiert ist, wie es nach aussen hin scheint, andereseits, welche Implikationen eine Regierung mit sich bringt, die aus einer militaerischen Bewegung erwachsen und von ihr gestuetzt wird. Es ist klar, dass sich viele Wahrheiten hinter geschlossenen Tueren verbergen und schwierig zu ergruenden sind. Dennoch ist es gleichsam beaengstigend wie beeindruckend, welche strukturellen Auswirkungen der Genozid von 1994 auf Identitaet, im Falle dieses Beitrags, auf geschlechtsspezifische Identitaet geleistet hat.

Musik

Zunächst wusste ich gar nicht, dass es im Maison des Jeunes (meinem Projektplatz) ein Studio gab. Aber eines Tages, als ich hinter dem großen Saal mit den Kindern gespielt habe, riefen mich seltsame Gangstertypen hinter dem Gitterzaun zu sich.

„Hi, what’s up? What are you doing here?“ fragte ich sie, als ich auf ihr Winken näher kam. “We are doing a song in the studio”, sagte mir ein schlanker Junge, der aussah, als könne er nicht lächeln. Er musterte mich, wie als würde ich zunächst eine Aufnahmeprüfung bestehen, bevor ich in ihre Gruppe aufgenommen werden konnte. Dabei wollte ich gar nicht aufgenommen werden.

Ein anderer, der im Punk-Stil angezogen war, zeigte mir stolz sein T-Shirt, das mit dem Bandnamen bedruckt war, und sagte „We‘re X-Machinez“. „Dann lasst mal hören“, sagte ich neugierig, aber auch ein wenig ermüdet, denn ich habe bisher schon viele sich selbst ernannte Musiker getroffen, die weniger mit Musik zu tun hatten, als mehr mit Posing – Attitüden. Der Junge im Punk-Stil begann, sich mit der Faust auf die Brust zu schlagen, und erzeugte damit einen tiefen Beat, dazu begann er zu singen. Dann rappten die anderen Free-styles dazu, und ich war positiv überrascht. „Na solchen Musikern bin ich bisher noch nicht begegnet“, dachte ich mir im Stillen. Ich beschloss heimlich, mit ihnen einen Song aufzunehmen, machte mir aber auch nicht viel mehr draus, weil ich schon geahnt hatte, dass es schwierig werden würde, Freundschaften zu schliessen, wie es für mich schon immer war. Und dazu war ich nun noch in einem völlig anderen Land. Doch bevor diese Jungs im Studio dran waren, arbeitete der Produzent, der Max hieß, an seinem eigenen Song. Als dieser mich dort draußen stehen sah, sagte er mir – „Ich will, dass du in meinem Song singst“. Das war meine erste Chance, in einem echten Studio etwas aufzunehmen. Und ich ergriff sie. Was ich sang, war zwar musikalisch sowie lyrisch keine große Errungenschaft, aber ich bemerkte zum ersten Mal, dass die Leute es wertschätzten, dass ich mir Zeit und Interesse für sie nahm. Nach der schnellen Aufnahme waren auch diese Jungs von X-Machinez motiviert, und baten mich, in ihrem nächsten Song mitzusingen. Ich gab ihnen zum Abschluss meine Nummer, und umarmte alle, wie sie dort – man würde sagen „gechillt“ – an der Wand standen. Fox, der Junge im Punkstil (ich habe mittlerweile ihre Namen gelernt) sagte mir, ich sei jetzt Teil der X-Familie. Diese Philosophie gefiel mir, aber sie war auch exklusiv. Das fand ich fragwürdig. Erst im Rückblick beginne ich, zu verstehen, dass es vielleicht gerade diese Exklusivität und – damit verbunden – eine zu starke Fokussierung auf diese neuen Freunde war, die so stark (positiv wie auch negativ) auf mich gewirkt hat.

So begann meine musikalische Erfahrung mit den Jungs, wobei die Musik eher eine nachrangige Rolle einnehmen sollte. Sie wurde letztendlich zu einem Sprachrohr, einem Instrument, das meiner Beziehung zu diesen Leuten Ausdruck verleihen sollte.

Es war diese Gruppe von Jungs, die mein Jahr in Ruanda entscheidend prägen sollten. Mit zwei von ihnen, Zouzou und G, zog ich etwa einen Monat später zusammen. So lebte ich von November bis Juli mit zwei ruandischen, jungen Rabauken zusammen: eine Entscheidung, die „vieles verändern“ sollte.

Ein wenig neugierig war ich auch, wie diese Jungs lebten – sie sagten, sie leben zusammen in einem Ghetto in Nyamirambo. Es hat mich also gereizt, mal reinzuschauen, was das bedeuten mag. Aber große Hoffnungen hatte ich nicht. Als ich beim Cosmos angekommen bin, wartete G-I schon mit ZZ auf mich, ich war aufgrund der Dreharbeiten etwas spät dran. In der Parallelstraße holte ZZ ein „Sachet“ mit Vodka (also Wodka in der Tüte) heraus und trank es auf einen Schluck. „Oh mein Gott, wo bin ich hier nur gelandet“, fragte ich mich selbst und folgte den Jungs. Zwischen dreckigen kleinen Hütten, die so dich beieinander standen, dass man gezwungenermaßen miteinander kochen musste, passierten wir eine Wellblechtür, die – man konnte es an ihrer Beschaffenheit erahnen – eigentlich zwecklos war, außer dass sie Abgeschottetheit vermittelte. Ich stand in einem kleinen Hof mit einem Baum und zwei Häusern, die dicht aneinander engten. Durch einen im Basketballstil gehaltenen, abgenutzten Vorhang betraten wir ein kleines Zimmerchen ohne Möbel – aber einem kleinen Hocker und Küchenutensilien in der Ecke – das muss dann wohl die Küche sein. Ein weiteres Zimmer, dessen Wände mit bunten Graffitis und Schattenmalereien geziert sind, dient als Wohn- und Schlafraum. Zwei große Matratzen nehmen etwa zwei Drittel des Raumes aus, an der Wand steht ein Minifernseher mit Anlage, die auf Höchstvolume eingestellt ist und das ganze Haus gewissermaßen vibrieren lässt, und an der anderen Wand alte mit Klamotten gefüllte Koffer – ja ich fühle mich tatsächlich so, als wäre ich im Ghetto gelandet. In der „Küche“ ist über der Tür zum Schlafraum der Schriftzug „Ghetto Gate“ angebracht. Doch die Jungs, es sind insgesamt vier, gingen so lieb mit mir um, dass ich mich trotz der Fassade wirklich wohl fühlte. Das Haus war wie ein Haus der offenen Tür, denn ständig kamen Leute ein und aus, sogar Producer Max kam. Zufälligerweise mit der CD, auf die er das Lied gepackt hat, in dem ich spontan einen Part gesungen habe. Er schmiss sie sofort in den Musikplayer, und mir war es ein bisschen peinlich, mich selbst in einem Lied zu hören – es war für mich etwas vollkommen Neues und Seltsames, mich selbst zu hören. Ich war sonst nie wirklich ein großer Fan von Hip Hop, aber die Musik von den Jungs, dazu noch auf kinyarwanda hat mir auf Anhieb gefallen.

Ich ergriff die Chance.

Was dabei rausgekommen ist, könnt ihr hier überprüfen: www.myspace.com/girlwiththeguitar

Aus unserem Vorhaben, bis zu meiner Abreise zumindest ein Album mit dem Titel „Warriors of the Light“ herauszubringen, ist leider nichts geworden. Doch der Spaß am gemeinsamen Musizieren bleibt in meiner Erinnerung. Wenn ich ehrlich bin und diese Lieder mit einem kritischen Ohr betrachte, sind sie natürlich nichts „besonderes“, keine große musikalische Leistung. Es war mir schon anfangs klar, dass Musik hier nicht das Ziel war, sondern der Weg – ein Weg, Menschen unterschiedlicher Kultur und Sprache, Menschen von unterschiedlichem Hintergrund, zusammen zu führen, zu vereinen, etwas „Gemeinsames“ zu schaffen. Ich weiß nicht, weshalb mir dabei an den Sozialkonstruktivismus denke, aber aus dieser Erfahrung, die ich am eigenen Leib machen durfte, glaube ich, unterstreichen zu können, dass eine gemeinsame Identität (die zunächst konstruiert werden muss/kann) friedensfördernde Wirkung entfalten kann.

Ich glaube auch, behaupten zu können, unser Projekt „Musik“ strahlte dabei nach außen zurück. Wir hatten in Nyamirambo und Umgebung einige Auftritte – dabei mag ich gar nicht von Auftritten im eigentlichen Sinne sprechen, denn sie entsprachen einer Playbackshow, bei der man sich selbst in Szene zu setzen versuchte – die jedes Mal positive Resonanz erfuhren – „eine bunte Truppe“, so hieß es. Gegen Ende meines Jahres, als ich vermehrt auf kinyarwanda sang, konnten viele gar nicht glauben, dass ich in ihrer Sprache zu singen begonnen hatte.

Unsere Songs liefen gelegentlich im lokalen Radio, sogar in Deutschland wurde „On est les mêmes“ (auf Initiative meiner wunderbaren Mutter und in Verbindung mit Telefoninterviews) – auf zwei regionalen Sendern gespielt.

In sozialer Hinsicht war dieses Projekt ein voller Erfolg, in musikalischer wohl eher weniger. Entgegen meiner Hoffnung, in diesem Jahr mehr von der „richtigen“, urtypischen ruandischen Musik zu lernen, stellte ich mich häufiger die Frage, was denn ruandische Musik sei. Ich konnte aber noch ein paar Aufnahmen sammeln, die in den 70er/80er Jahren populär waren und erhalten geblieben sind.

In der rechten Spalte möchte ich in Schlagwörtern die “Lessons learned” auflisten, um einen kleinen Überblick zu verschaffen. Daher lautet meine erste “Lesson learned” (der ich mir zwar schon vor meinem Jahr in Ruanda bewusst war, durch diese interkulturelle Komponente aber noch stärker hervortrat):

Sei schöpferisch! Sei kreativ! Hab keine Angst, was dabei am Ende herauskommen mag, das ist nicht der Fokus, nicht das Ziel. Der Prozess des Schöpferischen selbst ist das Ziel. Denn auf dem Weg, der dich zum  Schöpfer macht, versuchst du auf deine eigene Art und Weise auf die Welt zu antworten.Was soll das heißen, fragst du dich vielleicht?

Nun, für mich ganz persönlich:

Die Welt schien mir weismachen zu wollen, dass es nichts geben könnte, was mich mit der ruandischen Jugend verbindet: ich war nun einmal reicher, privilegierter und mit einer anderen Hautfarbe versehen, als die Jugend vor Ort. Wie sollte jemand meinem Wort, meiner Botschaft der menschlichen Familie Gehör schenken wollen? Das war die Frage.

Und meine Antwort war dieser Prozess der Musik, der Sprache, des Zusammenhalts. Es zählt für mich nicht, was konkret das Resultat war, das bei dem einen oder der anderen ankam. Das ist zweitrangig.

Erich Fromm beschrieb diesen Prozess einmal so:

“Mit schöpferisch meine ich nicht, dass wir Bilder malen, Gedichte schreiben oder Musik hervorbingen sollen. Es geht vielmehr um Kreativität als eine Haltung, als ein Charakterzug, als eine Haltung den Menschen und der Welt gegenüber.”

An anderer Stelle führt er näher aus:

“Treten wir mit Gegenständen, mit der Natur, mit Menschen in Beziehung, dann tun wir das in erster Linie auf eine abstrakte, klassifizierende, intelektuelle, nicht aber auf eine kreative Weise. Eine Malerin, die bei mir eine Psychoanalyse machte, kam eines Tages ganz aufgeregt zu mir und sagte “Wissen Sie, ich habe heute ein wundervolles Erlebnis gehabt. Ich habe in der Küche Erbsen ausgekernt und zum ersten Mal in meinem Leben gesehen, dass Erbsen rollen.” Nun wissen wir ja alle, dass Erbsen wie alle runden Gegenstände auf einer schrägen, relativ glatten Oberfläche rollen, aber wir sehen das einfach nicht. Es ist etwas völlig anderes, unser Wissen bestätigt zu finden, dass Erbsen rollen, oder es in kreativer Weise zu sehen.”

[aus: Die moralische Verantwortung des modernen Menschen (1958d), GA IX, S.327-329]