Es lohnt sich, zu vertrauen

Irgendein Gefühl brachte mich heute zu meinem Blog zurück. Vielleicht war es das Bedürfnis, zu verstehen. Ein größeres Bild zu sehen. Einen Schritt zurück zu wagen und das Kunstwerk der letzten Jahre zu betrachten und zu genießen, oder wie Schopenhauer es ausdrückt (Ich konnte die deutsche Quelle nicht finden, aber mich berührt die englische ebenso):

“The external operation of circumstances had to assist one another in the course of a man’s life in such a way that, at the end thereof when it had been run through, they made it appear like a well-finished and perfected work of art, although previously, when it was still in the making, it had, as in the case of every planned work of art, the appearance of being often without any plan or purpose. But whoever came along after its completion and closely considered it, would inevitably ganze in astonishment at such course of life as the work of the most deliberate foresight, wisdom, and persistence” (Transcendent Speculation on the Apparent Deliberateness in the Fate of the Individual, Arthur Schopenhauer 1851/1974, 207).

Da sitze ich nun, am Laptop, und versuche, im Rahmen meiner Masterarbeit Sinn aus den intergenerationalen Geschichten meiner deutsch-russischen Ahnen zu schöpfen, und bemerke, wie ich dazu zunächst einmal die Zeit und Geduld aufwenden muss, um meine eigene Lebensgeschichte in ihrer Ganzheit zu sehen.

Und ich nehme wahr, wie all jene Dinge, die ich mir herbeigesehnt hatte, irgendwie, wenn auch anders als imaginiert, in Erscheinung getreten sind. Kannst Du es auch in Deinem Leben sehen, wenn Du von den Bewertungen und Vergleichen mit den ursprünglichen Visionen absiehst?

Ich lebe mit meinem Partner und meinem 1,5 – jährigen Sohn zusammen, ein Wunsch, den ich seit meinem Freiwilligendienst in Ruanda hege und über eine langjährige, kräftezehrende Fernbeziehung aufrecht erhalten habe. Ich unterrichte und übe regelmäßig Yoga, wie ich es mir in einem früheren Beitrag gewünscht habe. Die Beschäftigung mit meiner Masterarbeit erfüllt mich zutiefst und transformiert mich jeden Tag, fordert mich heraus, nährt mich. Gleichzeitig habe ich die Zeit, mit meinem Sohn jede Woche schwimmen zu gehen, ihn jeden Tag zum Spielplatz zu begleiten und von seiner Neugier, sowie seiner unermüdbaren Willenskraft zu lernen.

Sicher, täglich sucht auch mich die innere Kritikerin heim. Sie vergleicht meine Yogapraxis mit der von anderen, unterzieht meine Yogastunden harscher Kritik und fordert von mir, mich besser vorzubereiten, mehr zu lesen und zu lernen und sowieso…
Ich versuche oft, diese Vergleiche abzuwehren, weil ich mich vor ihren Konsequenzen fürchte, die andere und mich selbst zu entwerten sucht. Manchmal rechtfertige ich mich in Gedanken vor ihr und sage, ich bereite mich gut vor, aber wenn ich unterrichte, dann sage ich nichts auswendig Gelerntes auf, sondern spreche aus den Tiefen meines gelebten und gefühlten Momentes.

Sie versucht mir auch weis zu machen, wie sehr ich mich gehen lassen habe, zugenommen hätte ich, sei faul und ohnehin nicht gut genug. Ich weiß, sie ist noch an ihre Essstörung verhaftet, aber ich möchte weiterleben und weiß tief in meinem Herzen, dass ich gut bin, wie ich bin. Dass ich das Licht, das ich in anderen sehen kann, nur deswegen sehen kann, weil ich mir selbst und meinem Körper keine Feindin mehr bin.

Sie hat viele Kritikpunkte, die aufzuzählen selbst die Geschwindigkeit meiner Finger beim tippen nicht gerecht werden kann. Selbst während ich schreibe, lacht sie mich an und meint, meine Worte seien lächerlich. Ja über einiges, was ich vor Jahren geschrieben habe, muss ich auch schmunzeln. Aber ich halte nichts davon für lächerlich. Im Gegenteil, jeder einzelne Beitrag, den ich mir heute durchgelesen habe, repräsentiert eine Facette meines Weges, und ich will nicht leugnen, nicht beschönigen, was mich in der Vergangenheit bewegt hat. Selbstverständlich sind für mein heutiges Ich einige meiner frühen Beiträge befremdlich, wenn ich von Weißsein und Schwarzsein schreibe, oder davon, wie ich Kinder ‘animiert’ hätte, während sie tatsächlich von selbst diesen Raum geschaffen haben, den wir damals im Jugendzentrum in Kigali geteilt haben.

Genauso fühle ich mich, wenn ich Yoga ‘unterrichte’. Ich unterrichte nicht, ich lerne. Ich trete in Beziehung. Ich teile von mir und meiner verkörperten Erfahrung. Ich biete an, was mich bewegt, wie es mich bewegt, wie es in dem Moment, in dem ich es ausführe, auf den Ebenen jenseits der physischen wirkt.

Ich ‘erziehe’ meinen Sohn nicht. Ich beziehe. Mich selbst zu ihm. Meine Neugier zu seiner Weisheit. Meine Liebe zu seinen Fehlern. Meine Fehler zu seiner Liebe.

Mein Blick zurück, in Erinnerungen und Erfahrungen der vergangenen Jahre, die in diesem Blog festgehalten sind, bekräftigt mich in dem immer vorhandenen stillen Bedürfnis, zu vertrauen. Dem Leben zu vertrauen. Es nicht immer verstehen zu müssen, sondern vorwärts zu erfahren, mich formen zu lassen, andere bei ihren Formungen zu beobachten. Für mich liegt die große Lehre meines Rückblicks darin, Bewertungen loszulassen und zu vertrauen.

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