Das Gesetz des abnehmenden Grenzidealismus

Während mein Leben sich wieder im Wandel befindet, habe ich in den letzten Tage der Nostalgie nachgegeben und in meiner Abizeitung geblättert. Auf einmal kamen mir soviel Erinnerungen in den Kopf und obgleich sie in dem damaligen als Ereignisse und Erfahrungen weniger lebensbedeutsam erschienen, so erweist sich heute wieder einmal Kierkegaard als wahrer Prophet, wenn er sagt: “wir müssen das Leben vorwärts leben, verstehen können wir nur es rückwärts” – oder Steve Jobs mit seinem Rat, rückblickend die “dots” zu verbinden. Ich habe mich damals, 2008, als es noch Leistungskurse gab, für den Wirtschafts-Politik-Leistungskurs eingeschrieben, dessen Zustandekommen einerseits noch nicht gesichert war, andererseits ich einen unheimlichen Respekt davor hatte, da ich mir sicher war, dieser Kurs würde meine Abiturnoten nicht in die Höhe treiben, da er von einem Lehrer angeboten werden solle, der eine etwas andere Weltsicht hatte als ich – und mir daher eher als Herausforderung anstatt als gut kalkulierter Abiturweg erschien, bei dem die bestmögliche Note herausspringen würde (entsprechend der üblicherweise weitestgehenden Kalkulationen von SchülerInnen). Mein Problem damals war: ich galt als eine absolut “naive” Idealistin –  im Gegensatz zu meinen KlassenkameradInnen. Einige Kommentare, die auf meiner persönlichen Seite im Abibuch festgehalten wurden, mögen das verdeutlichen :

“Glaubt immer an das Gute, übertreibt es aber gerne mal”
“leider manchmal etwas zu utopisch”
“Menschenrechte. Manchmal nervt’s”
“Menschenrechte forever -> man kann es auch übertreiben”
“will die ganze Menschheit verbessern”
“intolerant – kann ohne ihr linkes Geschwafel nicht leben: Menschenrechte…”

Blicke ich heute zurück, so mag ich zugeben, dass ich in einer relativ ruralen Umgebung mein Abitur gemacht habe, wo die meisten in recht konservativen Familien aufgewachsen sind und ein entsprechendes Weltbild entwickelt haben. Diejenigen mit Migrationshintergrund haben entweder die stillschweigenden Aversionen annehmen müssen oder sich unwissend in die Rolle des Opfers-doch-jetzt-Verurteilenden versetzt (ich kann dieses Phänomen des “Opfer-Täter-Statuswechsel” nur schwer erklären, doch habe festgestellt, dass diejenigen, die Opfer rassistischer oder xenophober Einstellungen waren, dieses schädigende Verhalten oftmals gerne ebenfalls auf andere anwenden, um ihr eigenes Selbstwertgefühl zumindest ein Stückchen den anderen Einheimischen anzunähern). Ja, lieber Wi-Po-Leistungskurs, ich wusste, dass du nicht einfach werden würdest. Habe ich doch so unnachgiebig an Menschenrechte geglaubt, ohne genau wissen, wie sie sich politisch einordnen lassen, habe nie in links-rechts-Schemen gedacht, nur nach dem Wert menschlichen Lebens, nachdem mir die Grausamkeit an der Geschichte meiner Großmutter während der Sowjetunion in vollem Ausmaß mein Herz zerrissen hatte. Sie sagte, sie erzähle uns diese Geschichte nur, um uns klar zu machen, was es für ein Geschenk ist, in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung aufwachsen zu dürfen. Doch – so glaubte ich damals zumindest – es stellte sich schnell heraus, dass auch das Denken in menschlichen Kategorien nicht in die Politikwissenschaft passte. Was war ich für ein idealistisches junges Mädchen, und hier spricht nicht nur Nostalgie oder Verbitterung, sondern die knallharte Kernfrage darüber, ob es wahr ist, dass man mit dem Alter und der Erfahrung seinen Idealismus verliert. Camus hatte das so genannt:

“Wenn man anfängt, zu denken, beginnt man, ausgehöhlt zu werden.”

– Oh, was für ein weiser Mann. Ich begann 2007, als ich 16 Jahre alt war, mich hemmungslos den Menschenrechten hinzugeben, und zwar weil ich zum ersten Mal von der Gründungsgeschichte amnesty internationals gelesen habe, als zwei portugiesische Junggesellen auf die Freiheit anstießen, und dafür zu Haftstrafen verurteilt wurden. Irgendwann stieß ich dann auf ein Phänomen, das allerorts mit “Genozid” beschrieben wurde, und dass, neben der grausigen deutschen Vergangenheit, es noch ähnliche Verbrechen gegeben hatte, die alle Vorstellungskraft übersteigen, mir jedoch damals, als ich gerade zwölf Jahre alt war, als alte Stammesschlacht geschildert worden war: der Völkermord in Ruanda, eines der unvorstellbarsten Massaker der Weltgeschichte. Doch in der Mentalität des Leistungskurses lernte ich schnell (oder glaubte ich schnell zu lernen), dass das Einstehen für menschliche Werte als linksradikal und jedes Bekenntnis zu den universalen Menschenrechten als westlicher Werteimperialismus galt. Und ich habe im Laufe der Jahre immer mehr das Gefühl bekommen, dass Camus’ Worte, genauso wie die Aussage, dass man im Alter den Idealismus verliert, ein natürliches Gesetz seien, das ich widerwillig akzeptierte. Ich kämpfte mit mir selbst, und nach der Schande meiner ersten Klausur (4,0) war ich an der Schwelle, den Kurs zu wechseln und aufzugeben, also die Herausforderung abzulehnen. Doch mein Lehrer überredete mich, zu bleiben. Und dafür bin ich ihm noch heute dankbar. Ich lernte von Carl Schmitt, Thomas Hobbes, Nietzsche und Huntington, und als Ausgleich dazu etwas über Colin Crouch….ich dachte damals, das wäre politische Pflichtlektüre, doch heute weiß ich, wie jedes einzelne Buch, jeder einzelne Artikel, gar jede Meinung, eine politische Färbung hatte und in logischen Schritten dekonstruiert werden konnte – und sogar musste. Eingeschüchtert von der kritischen Herangehensweise, mit der meine eigene normative Einstellung hinterfragt wurde, ließ ich mich – zunächst widerwillig – auf die Lektüren und Diskussionen ein. Und das war der Beginn des Ende meines Idealismus. So dachte ich. Ich dachte, Card Schmitts Idee vom Politischen als Freund-Feind-Unterscheidung sei “Realismus”, und die Theorie des Realismus sei die knallharte politische Wahrheit, zumal uns – als 17 – 19 Jährigen – der Begriff ebendies auch suggeriert hat. Erst im Studium an der Universität konnte ich diese innere Ohnmacht gegenüber solch dogmatischen Theoretikern und Politikwissenschaftlern relativieren. Ich durfte lernen, dass es nicht die eine Wirklichkeit gibt, und nicht die eine Theorie, die wahr ist, sondern dass konstruktive Politikwissenschaft sich ständig im Diskurs befindet, und nicht aufhört zu fragen, zu wagen, aber auch: zuzuhören. Ich glaube, das Zuhören habe ich gegen Widerwillen damals im Leistungskurs lernen müssen, aber es ist eines der wichtigsten Aspekte jeder Wissenschaft – gar, jedes Wissens und Verstehens, und dazu muss man auch gar nicht studieren. In der Beschäftigung mit den Weltbildern der Autoren fand ich erst später eine seltsame Form von Faszination, weil ich – je mehr ich mich mit ihnen beschäftigte – langsam die Fehler in ihrem Denken erkannte, und die Fehler meiner eigenen Reflexionen, die sich in einigen von ihnen wiederfanden.

An dieser Stelle möchte ich kurz innehalten und mich bedanken. Für die letzten wundervollen Jahre, die mir mit der Möglichkeit geschenkt wurden, zu lernen, zu verstehen, und meine Annahmen über das Funktionieren der Welt zu hinterfragen.

Und jetzt fühle ich mich manchmal so, als müsste ich diejenige sein, die ihren Idealismus verloren hat (gemäß des Gesetzes des abnehmenden Grenzidealismus), weil ich anhand politischer Reliatätsanalysen des besseren belehrt wurde. Es fällt mir leicht, das abzuwehren. Heute packe ich mein Leben in ein Koffer und zwei Taschen ein, und fliege wieder hinaus in die Welt, für eine Yogalehrerausbildung auf Sansibar, für die Liebe, ja immer noch für den Idealismus, der sich irgendwo in meinem Herzen verborgen hat und darauf wartet, in das Weltgeschehen zu tauchen.

“Fierte”, mein liebes Passau!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s