Lebenserkenntnisse aus dem Bücheralltag.

Als ich heute in meiner letzten offiziellen B.A.-Vorlesung saß und den Ausführungen über Platon’s ‘Staat’ folgte, fiel meine Wahrnehmung von dem Gelernten plötzlich völlig ab von dem Sachbereich der Politischen Theorie. Ich hatte Sokrates Worte mit Begeisterung gelesen, war immer wieder aufs Neue verblüfft, dass er seine Zeit transzendiert hat und diejenigen Grundmuster menschlicher Verirrungen entlarvt haben, die uns noch heute prägen – oder ist es die Verblüffung darüber, dass wir nach über 2000 Jahren noch immer dort stehen, wo ein Sokrates für sein Wissen zum Tode verurteilt wurde?

Als ich nach der Vorlesung heimging, hielt ich unten am Inn kurz inne, sah die Reflexion der Straßenlaternen im Wasser, die verzaubert glitzerten, und die Lichtlinien der vorbeitrödelnden Autos, die auf der Brücke entlang fuhren, und da plötzlich war er.

Dieser eine Moment, nach ewigem, ja tagelangem Grübeln, der eine klare und einleuchtende Ordnung in all mein Gefühlschaos brachte, und es unter einer höheren Ordnung subsumierte. Der Moment war nur kurz, und doch war er umso intensiver, zumal ich die letzten Tage damit verbracht habe, irgendeine magische höhere Energie um Antworten zu bitten. Sie standen dort geschrieben, in dem Buch von Platon! Sie waren seit 2000 Jahren niedergeschrieben, und ich hatte sie die ganze Zeit nicht gesehen, weil ich sie nicht gelesen hatte.

Was der Entwurf des sokratischen “Staates” in meinem Inneren sortiert und entblößt hat, das könnte gar kein Staatsapparatjemals in einem Menschen bewirken.

… in dem Staate nämlich, meinst du, würde er Lust und Liebe daran haben, mit dessen Gründung wir uns eben beschäftigten, in dem im Reich der Gedanken liegenden Staats; denn auf Erden existiert er, glaube ich, nirgends.
Nun, sagte [Sokrates], dann ist er doch wohl im Himmel als ein heiliges Mustervorbild für jeden aufgestellt, der ihn anschauen und durch seine Anschauung danach den Haushalt seines Inneren einrichten will; es liegt aber gar nichts daran, ob er irgendwo existiert oder noch existieren wird; denn nur mit den Angelegenheiten dieses inneren Staates beschäftigt er sich, aber mit keinem anderen. (592 B)

Und das ist etwas so Faszinierendes – dass die Erkenntnisse Sokrates’ nicht nur inhaltlich bis ins kleinste Detail in dieser Schrift ausgeführt wird, sondern dass, wenn man es liest, schon allein der Akt des Lesens den Ansatz dessen erreicht, was der ganzen Theorie zugrunde liegt – das innere Erwachen, das Erkennen von bestimmten Aspekten in sich selbst beim Durchgehen der Verfallsreihe – immer und immer und immer wieder.

Camus war dort, in dem umbegründbaren Niedergang des Ortes, wo man Gerechtigkeit schon gefunden hatte, doch auch
Erich Fromm war dort:

…daß sie nur Lüsten nachlaufen, die, mit Schmerzen gemischt, nur Trug- und Schattenbilder der wahren Lust sind und nur durch Nebeneinanderstellung von Freuden und Schmerzen eine reizende Farbe bekommen, so daß beide unwiderstehlich scheinen, den Unverständigen wahnsinnige Leidenschaften einflößen und ein Gegenstand des Streites werden… (586 C)

Und dort, als ich dort am Inn stand, fielen mir all meine Fehler auf, und wie ich bestimmte Verhaltensweisen nicht diesem oder jenem Seelenteil zuschreiben konnte. Ich merkte plötzlich, dass ich in eigen Bereichen meines Lebens gar tyrannische Züge angenommen hatte – aus Angst, oder aus Herrschaft meiner Bedürfnisse, die ich noch nicht selbst kontrollieren konnte? Ich wusste plötzlich, dass Freiheit eine Richtung hat, und dass die Idee der Liebe nicht in Bestrafungen und Kosten-Nutzen-Kalkulationen liegen kann, sondern dass sie Gutes sein muss, sie muss einfach das Gute sein, sie kann nicht im Besitzen liegen, nicht in physischen oder psychischen Verletzungen, sie kann einfach nicht. Das sind alles Symptome von Begierden und Trieben, die sich hinter dem Begriff der “Liebe” als etwas ausgeben wollen, das sie gar nicht wirklich sind.

Als ich nach Hause kam, fiel mir plötzlich der Gedankengang von Eckhard Tolle ein. “Vernunft” – ist sie wirklich der Teil der Seele, der Harmonie in unser seelisches Innenleben bringen kann? Sie, der “Denker”, der an uns herumnörgelt und uns befiehlt, was rational richtig ist, auch wenn unser Herz etwas anderes im Sinne hat?
Haben Sokrates und Tolle verschiedene Auffassungen mit dem Begriff verbunden, oder nicht doch das gleiche, das bei Tolle “Bewusstsein” und Leben war, bei Sokrates hingegen das Schauen nach dem wahren Sein der Dinge? Nein, Sokrates Idee von Vernunft entspricht nicht dem, was wir uns heute vielleicht darunter ausmalen, das Gute verwirklicht sich im Denken, im Lernprozess, im wirklichen und wahrhaftigen Verstehen. Genauso ist der Denker, von dem Tolle als Verstand spricht, nicht die Vernunft, die Sokrates meint, sondern ein mit substanzlosem Wissen angefüllter innerer Kritiker, der mit wahrer Erkenntnis wenig zu tun hat.

Die Erkenntnis des Guten ist schließlich, so glaube ich, Erleuchtung. Deshalb kann sie auch nicht erklärt werden, sondern nur erlebt werden. Platon erklärt diesen Weg im Siebten Brief:

aus vielen Gesprächen über die Sache selbst und wenn man ganz in ihr aufgeht, entsteht es plötzlich – so wie ein Licht aufleuchtet, das einem Feuer entspringt – in der Seele und nährt sich dann schon aus sich heraus
(341 c)

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