Wo ist die “intrinsische” Lernkultur (hin)?

Ich bin eine ganz normale Studentin. Nicht wirklich anders als die anderen zehntausend, die an der Universität studieren. Doch ich trage eine abnormale Leidenschaft in mir, die ich beichten möchte: ich lerne wirklich verdammt gerne. Auch wenn meine Prüfungsordnung bestimmte Veranstaltungen vorsieht, die mir eigentlich gar nicht zusagen, dann löst es in mir meist trotzdem einen Funken Begeisterung aus – auch wenn es überfordert, oder wenn es lange Tage in der Bibliothek kostet, um endlich zu verstehen, was eine Kovarianz bedeutet, was Investitionsschutz ist oder welche Theorien der ökonomischen Integration sinnvoll sind. 

Als ich jedoch neulich in einer Klausur saß, die – als Single-Choice Klausur konzipiert, und auf der Lektüre eines einzigen Lehrbuches aufbauend –  zu keinen Höchstleistungen zwang, da deuteten sich mir erneut die Mankos unseres Bildungssystems an. Erneut – weil eine Kultur des “ECTS-Punkte-Sammelns”, schnellst- und bestmöglichen “Studierens”, d.h. eigentlich im engeren Sinne “Prüfungsleistungs-Erbringens”, sich mir immer wieder aufgetan hatte.

In dieser Klausur sah ich mich um, und erkannte, dass gefühlte 60 % der Studenten ihre Augen immerzu auf die Kreuzen der Prüfungen ihrer KommilitonInnen richteten, dass kein Interesse an dem Inhalt bestand, der vermittelt worden war, geschweige denn, genuine Erkenntnis über das Thema sprießte. 
Unterhält man sich mit Studierenden, so heißt es “wir tun nur, was von uns erwartet wird”; und da das System nicht sprechen kann, schweigt es zu diesem Phänomen, während es die Anforderungen in zahlreichen Berufsfeldern in astronomische Höhen hinauf schaukelt. 

Bei aller Freude am Studieren, bei aller Dankbarkeit für dieses in hiesigen Räumen kostengünstige Privileg, fühle ich mich hin und wieder dennoch gefangen in einem Bildungssystem, in dem vorwiegend nach ökonomischen Aspekten unterrichtet und ausgelesen wird.

Wir werden auf Memorisierung getrimmt, auf Schemata, stupides Lernen von Definitionen… und gleichzeitig ist es genau dieses passive Element, das wir aktiv reproduzieren, indem wir es annehmen, und den Anforderungen der Leistungsnachweise folgen. Was zählt ist die Technik, und so entwickeln wir uns mit begrenztem Herz zu vielen kleinen Rädchen in einer marktorientierten Leistungsgesellschaft. Denn um erfolgreich zu sein, müssen wir uns an die Normen und Regeln des Marktes anpassen. Das geht unmittelbar einher mit dem Aufstieg des Facebook-Imperiums, bei dem wir unsere Selbstdarstellungs- und Vermarktungsfähigkeit trainieren können.

Deshalb begann ich langsam, Verständnis zu entwickeln, sowohl für die Studierenden, die das System “satt haben”, in dem es nur darum geht, Punkte zu sammeln, sich dem Strom anzupassen und die Prüfungsordnung zu befolgen, als auch für die ProfessorInnen und DozentInnen, die – teils selbst bereits resigniert, teils von den Studierenden vielfach enttäuscht – immer häufiger die Lust an denselben Themen für dieselben uninteressierten Gruppen, die sich anmelden und nicht einmal zu den Präsenzveranstaltungen erscheinen, verlieren.

Sind es wir, oder ist es das System? Oder besteht vielleicht eher eine Wechselwirkung, die wir uns eingestehen müssen, wenn wir etwas verändern wollen? Doch vielleicht machen wir es uns zu einfach, wenn wir Strukturen für unseren Mangel an Mut verantwortlich machen.

Klingt radikal? – Vielleicht ist es das.
Ein Luxusproblem? – Durchaus.

Doch immer seltener hinterfragen wir, wofür wir eigentlich studieren, geschweige denn, wofür wir stehen. Wobei gerade diese Frage öfters gestellt werden müsste, denn wie sollen wir integer leben, wenn wir nicht einmal wissen, welche eigene Ideale und Werte wir vertreten?

Integrität – mein Wort der Stunde.

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