Sind Sprichwoerter der Schluessel zu Kulturen?

Kulturelle Werte werden grundsaetzlich nirgendwo explizit aufgefuehrt, es gibt weder Lexika noch kulturelle Geseltzgebung, die eindeutige Auflistungen der jeweils geltenden kulturellen Werte enthalten. Sprichwoerter und Anektoden hingegen werden muendlich von Generation zu Generation weitergetragen. Sie sind nicht statisch, und werden auch nicht strikt befolgt, aber sie schlagen eine Bruecke von der kulturellen Vergangenheit einer Gesellschaft zu ihrer Zukunft. Sie vermitteln traditionelle Weisheiten, kulturelle Weltbilder und Moral. Sie lehren uns von Kindesalter an, und auf ihre eigene, metaphorische Weise erklaeren sie uns ein Stueckchen Welt. Sie vermitteln uns ein Zusammengehoerigkeitsgefuehl, da sie ausdruecken, dass fruehere Generationen aehnliche Probleme hatten bzw. vor aehnliche Herausforderungen gestellt wurden wie die jetztige, und gar zukuenftige Generationen.

Indem wir uns also genauer mit Sprichwoertern auseinandersetzen, koennen wir die Werte oder die Moral, die sich hinter ihnen verbirgt, besser verstehen, und damit einen Einblick in kulturelle Hintegruende einer Gesellschaft erhalten.

Sind Sprichwoerter also das Fenster zu einer Kultur und ihren Werten?
Waehrend einserseits der Eindruck entsteht, dass Sprichwoerter von Kultur zu Kultur variieren, so koennen die Gemeinsamkeiten bei naeherer Betrachtung verwundern und zugleich erstaunen.
Was sie naemlich mit der Welt teilen, sind die praktischen Weisheiten und Erkenntnisse, die Menschen in jeweils verschiedenen Lebensbedingungen erlernt haben.

Vielleicht universelle Lektionen, vielleicht solche die von der Umwelt und dem Lebensraum abhaengen – vielleicht sin des aber auch solche, die zwischen Universalismus und Relativismus liegen und ein gesundes Mass an Differenzierung beinhalten.

Im Folgenden will ich zunaechst nur auf die mir bekannten ruandischen Sprichwoerter eingehen, und habe versucht, Aequivalente im Deutschen zu finden. Natuerlich waere es auch interessant, gar russische und englische mit einzbeziehen und zu vergleichen, aber das uebersteigt so einiges von den Objektiven dieses Eintrages.
Was ich zeigen moechte, ist zwar einerseits die kulturelle sowie allgemeine Relevanz von Sprichwoertern im Alltag und im Wertesystem, andererseits aber wie aehnlich sich die Lektionen doch teilweise sind – und das ganz unabhaengig von Kultur und Umwelt. Auch wenn manchmal andere Metaphern verwendet werden – so zum Beispiel der wiederkehrende Bezug zu Kartoffeln im Deutschen, entgegen dem starken Bezug zu Kuehen in Ruanda.

Table

Ist es nicht interessant, dass einige Lektionen, die in den Sprichwoertern vermittelt werden, sich doch recht aehnlich sind? Oder, dass wir sie verstehen koennen und die Moral bei uns selber auch wiederfinden?

Einige von euch moegen bereits von der Aussage gehoert haben, dass Sprachen ein Weltbild zum Ausdruck bringen. Ist es euch vorstellbar, dass die Grenzen eurer Sprache den Grenzen eures Weltbildes entsprechen?

Diese Annahme entspricht dem Sprachrelativismus, einem Ansatz, der davon ausgeht, dass alles Denkens allein von der Sprache abhaengt. Doch wenn Sprache der einzige Ausdruck von Bewusstsein und Denken ist, dann kann auch Vernunft nicht ohne Sprache existieren. Dies waere eine fast absurde Annahme, die jedoch dem Behavioralismus der 40er/50er Jahre entspricht.

Von dieser Praemisse ausgehend, bedeuten verschiedene Sprachen auch verschiedene Lebenswelten, wobei Sprache und Verhalten einander wechselseitig konstituieren: Bestimmtes Verhalten oder vorhandene Lebensumstaende bestimmen unsere Sprache, waehrend gleichzeitig bestimmte Begriffe und Ausdruecke unser Denken und Verhalten bestimmt. Das bedeutet im Anschluss auch, dass in einer Kultur nur über das nachgedacht werden kann, wofür diese Kultur auch die entsprechenden sprachlichen Begriffe bereitstellt – eine recht seltsame Schlussfolgerung, die jedoch in Teilen ihre Berechtigung hat.
Deshalb haben die Inuit zahlreiche Wörter für Schnee, wir aber nur ganz wenige, und die indianische Hopi-Sprache kennt keine Zeitbegriffe. Auch im Ruandischen gab es vor der Kolonialisierung keine Ausdruecke fuer Uhrzeiten, sondern Aussagen wie “wenn die Kuehe heimkommen” oder “wenn die Sonne senkrecht steht”. Tagalog-Sprecher in den Philippinen haben drei verschiedene Wörter für das Pronomen “wir”: kita, “nur wir zwei, du und ich”, tayo, “du und ich, und jemand anderes” und kami, “ich und jemand anderes, aber nicht du”.

Auch Erich Fromm analysiert in “Haben oder Sein” die akzentuale Verschiebung vom sein zum Haben anhand sprachlicher Veraenderungen, die im Rahmen der Industrialisierung eingetreten sind (Haben oder Sein, dt. Ausgabe 1976, S. 30 ff.). Er konstatiert eine Tendenz zur Verwendung von Hauptwoertern anstatt Verben. So schreibt er:
“Der modern Sprachstil ist ein Indiz fuer den hohen Grad an Entfremdung, der heute vorherrscht. Wenn ich sage: ‘ Ich habe ein Problem’ anstelle von ‘Ich mache mir Sorgen’ , dann wird die subjective Erfahrung ausgeschlossen und in ein Objekt verwandelt, das ich besitze. Das Ich, das die Erfahrung macht, wird ersetzt durch das Es, das man besitzt.” (S.31)
Im Kontext der etymologischen Bedeutung von “Haben” fuegt er hinzu:
“Fuer jene, die glauben, dass ‘haben’ eine hoechst natuerliche Kategorie innerhalb der menschlichen Existenz ist, mag es ueberraschend sein, wenn sie erfahren, dass es in vielen Sprachen kein Wort fuer ‘haben’ gibt. Im Hebraeischen muss ‘ich habe’ zum beispiel durch die indirekte Form ‘jesh li’ (es ist zu mir) ausgedrueckt werden.” (S.32)

Es gibt zwei dominierende Theorien, welche sich damit beschäftigen, wie verschiedene Sprachen die Denkweisen und Wahrnehmungen der Menschen beeinflussen.

So gibt es die Theorie, die insbesondere von Noam Chomsky erarbeitet und vertreten wird, dass alle Sprachen die gleiche universelle Grammatik, die gleichen grundlegenden Konzepte und das gleiche Maß an Systematik besitzen.
Dieser Ansatz nimmt an, dass der größte Teil der Grammatik in unserer DNA codiert ist und daher in jeder Sprache aehnlich auffindbar ist. WissenschaftlerInnen dieses Lagers werden als “Nativisten” bezeichnet. Sie glauben, dass die universale Grammatik die menschliche Natur widerspiegelt und dass diejenigen auffindbaren Unterschiede zwischen grammatischen Strukturen der Sprachen von geringer Bedeutung sind.

Auf der anderen Seite stehen sog. “Kulturalisten”, die annehmen, dass Entwicklung von Sprache kulturell bedingt ist und sich den jeweiligen kulturspezifischen Erfordernissen der Kommunikation anpasst. Guy Deutscher, Autor des Buchs Through the Language Glass: Why the World Looks Different in other Languages, argumentiert in seinem Buch, dass es “kaum Anzeichen dafür gibt, dass spezifische Grammatikregeln im Gehirn vorverdrahtet sind. Es besteht auch keine Notwendigkeit, sich auf Gene zu berufen, die die grammatikalischen Strukturen erklären […]”

Dieser Denkschule entstammt auch die sog. Sapir-Whorf Hypothese. Benjamin Lee Whorf wurde, gemeinsam mit Edward Sapir und Franz Boas, aufgrund einiger Aufsaetze in den 50er Jahren ald bedeutender Linguist hoch gelobt. Ihr Argument war im Rahmen der Debatte um Eurozentrismus zugleich ein Meilenstein und eine Annahme mit fatalen Folgen. Sie behaupteten, dass nichtindustrielle Kulturen keineswegs primitiv seien, sondern ihrerseits elaborierte Sprach- und Wissenssysteme, und damit ihr jeweils eigenes Weltbild besassen. Die linguistische Relativitätsthese war geboren – als Argument gegen eurozentrische Universalisierungen.

Alle Bedeutung entstammt damit letztlich einem kulturrelativen linguistischen Ordnungssystem. Die Bedeutung, die unsere Sprache enthaelt, ist in diesem Sinne nichts anderes als ein Kulturrelativismus, der von der Verschiedenheit der Sprachen also auf die Verschiedenheit des Denkens schließen läßt. Unter dieser Annahme ist jede interkulturelle Verständigung und letztlich auch ein universales Wertesystem nicht denkbar.

Auch wenn “empirische” Erkenntnisse aus der Sprachforschung und Anthropologie darauf hindeuten, dass Sprache und Weltbild eng miteinander verbunden sind, ist ein radikaler Relativismus, der allgemeine Werte und Gemeinsamkeiten von Grund auf ausschliesst, moeglicherweise nicht die beste Loesung. Die Herausforderung mag viel eher darin liegen, ein gesundes Mass an Balance zu finden, zwischen dem Respekt fuer andere Sprachen, Kulturen und Weltbilder und den Gemeinsamkeiten, die wir teilen.

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