Erste Eindrücke vom studentischen Dasein in Kigali

Nun bin ich schon seit einigen Wochen an der Kigali Independent University als Studentin der Internationalen Beziehungen im dritten Lehrjahr registriert – da ist es hoechste Zeit, ein wenig aus dem Naehkaestchen zu plaudern.

Die Uni an sich:
Die Kigali Independent University ist eine einladende, architektonische Meisterleistung hoch oben auf dem Huegel von Gisozi. Vor dem Bau und der Eroeffnung der Universitaet, so sagt man, sei – neben der Genozid-Gedenkstaette unten am Huegel – wenig Leben in dem Stadtteil gewesen, aber seitdem die StudentInnen ein und ausgehen , hat sich einiges getan. Der Campus ist freundlich und weitlaeufig, von farbenfrohen Pflanzen, Baeumen und Wiesen umgeben und der Blick auf das rasant wachsende Stadtzentrum ist einmalig – jeden Morgen erinnert der Ausblick auf die Stadt die StudentInnen an ihre Aufgabe, die Zukunft ihres Landes positive mitzugestalten. Sicherheitsleute, gekleidet in gelb und blau (den universitaeren Farben) achten am Eingangstor darauf, dass die StudentInnen ihre Studentenausweise vorzeigen.
Sowie – und das musste ich erst an eigenen Fettnaepchen lernen – auf angemessene Kleidung, d.h. besonders fuer weibliche Studentinnen, dass Knie und Schultern bedeck sind. (Ich trage jetzt mit Vorliebe lange Hosen, auch bei bruetender Hitze).
Die Orientierung der Universitaet ist sehr auf “Exzellenz und Wissenschaft” ausgerichtet, dem Anspruch wird die Universitaetsbuecherei mit Lesesaelen, sowie das Campus-weite Wifi und die online-Resourcen durchaus gerecht. Waehrend sie mir anfangs recht saekular erschienen hatte, wurde ich an meinem ersten Tag, als StudentInnen und Lehrbeauftragte sich allesamt in der Arena vor dem Sportplatz versammelten, um der Einfuehrungsrede des Praesidenten und Direktors zu lauschen, von der Religioesitaet ueberrascht. (Sie ist mir bisher jedoch in den Kursen nicht als ideologische Grundlage aufgefallen, sondern als eine Art Mentalitaet fuer aeusseres Handeln (Bekleidung, Bescheidenheit), sowie als Motivation fuer die Studien).

Der Unterricht:
Nun zum Kern des Unterfangens. Wie laufen die Kurse ab? Wie gestaltet sich der Unterricht?
Das Lernsystem ist an der ULK anders geregelt als ich es aus Deutschland kenne. Zunaechst einmal ist es schier nicht moeglich, weit im Voraus zu planen, da die Kurse zu Beginn des akademischen Jahres je nach Verfuegbarkeit – in Blocksystematik – angeboten warden. Alle Kurse sind obligatorisch fuer alle Studierenden. Fuer das dritte Jahr bedeutet dies, muessen folgende Kurse (im Zeitraum der drei Trimester) absolviert werden:

Organization Theories and Decision Making
Contemporary Political System Analysis
Theories and Doctrines of International Relations
Fundamentals of Management
Public and Foreign Policy
Constitutional Law and Political Institutions
General Skills – English Skills, ICT skills, Research Methodology
Public International Law and International Organizations
Diplomatic and Consular Practices
Key Issues in International Relations

Der Unterricht findet im Klassenverband statt. In dem Kurs, der momentan stattfindet, Key Issues of International Relations, besteht die Lehrmethodik nicht allein in Vorlesung, sondern wird ergaenzt mit einigen UN-Simulationen sowie einzureichenden Essays/Positionspapieren… – eine abwechslungsreiche Erfahrung, die mir grosse Freude bereitet! Vor allem die Gruppendiskussionen mit meinen Kommilitonen beigeistern mich immer wieder, da ich fasziniert bin, Meinungen und Argumentationen von jungen Menschen wie mir kennenzulernen – Jungen Menschen wie mir, die etwas bewegen wollen, die verstehen wollen, die Traeume haben. Vor allem war ich bis auf das Hoechste darauf gespannt, wie die jungen ruandischen StudentInnen im 3.Jahr Internationale Beziehung an der ULK zu der Situation in Kivu stehen, dem Schicksal eines Gebietes, das untrennbar mit dem Schicksal ihres wunderschoenen Ruandas verbunden ist.
Und da kam sie: die Einheit ueber den Kivu Konflikt. Und ich nahm mir vor, all meine Annahmen, Vermutungen und Gedanken in eine Blechbox zu legen, zu verschliessen und beiseite zu legen, um bereit dafuer zu sein, was andere wohl darueber denken.

Der historische Abriss began mit einem Blick auf die koloniale Vergangenheit des Congo und dem Eintritt in die Unabhaengigkeit unter dem damaligen Premier Patrice Lumumba.
Waehrend meine persoenliche Einstellung zu Kolonialismus sehr kritisch und gar ablehnend ist, so musste ich mich zusammenreissen, der Vorlesung zur DRC zu folgen, ohne zu glauben, dass ich bereits “etwas” wisse. Es hiess, dass Belgisch-Kongo (ab 1908) unter der Kolonialregierung Belgiens herausragendes, bedeutendes oekonomisches und soziales Wachstum erfahren habe. Ich schluckte, doch ich blieb stumme Zuhoererin. Grundsaetzlich ist mir aufgefallen, dass der Dozent eine sehr positive, gar bewundernde Einstellung zum “Westen” hat – der Diskurs von “Entwicklung” und “Benevolenz des Westens” schnuert sich um den gesamten Kurs und manchmal fuehle ich mich so hilflos dagegen, dass ich nicht anders kann, als noch einmal kritisch zu hinterfragen.
Beispiel: Es geht um Digital Divide. Der Dozent will den Studierenden klarmachen, dass Ruanda zu wenig in Bildung und Gender Equality investiert (bei dem beeindruckenden Anteil an Frauen im Parlament) und kritisiert, dass Ruanda eine Quote benutzt, um diesen Frauenanteil zu gewaehrleisten. “Eines Tages, werden wir diese Quote nicht mehr brauchen, und Frauen und Maenner werden automatisch gleichrangig in allen oeffentlichen Institutionen repraesentiert sein – so wie im Westen”. Zoegernt hebte ich den Arm. Ich sprach von der mangelnden Repraesentation von Frauen in Business und Managerzirkeln, von der Diskussion ueber eine Frauenquote und davon, dass bis vor einigen Jahren Frauen noch von ihren Ehemaennern ohne weiteres zur “ehelichen Pflicht” gezwungen werden durften. Er schien mich entweder nicht verstanden zu haben oder willentlich meine Worte umzudrehen, und sagte – seht ihr, bereits in den neunzigern hat der Westen Gender Equality erreicht!
Manchmal schmerzt mir das Herz, wenn Aussagen kommen wie “the North knows what they doing” und “Africa is leaded by the North”, und obwohl ich, oder gerade weil ich, kritisches Denken und Perspektivwechsel nicht verlernen moechte, hoere ich zu und versuche, zu verstehen.
Zurueck zur DRC-Einheit, der ich aufmerksam und gespannt folgte. Hier wurde das Abdanken von Lumumba auf eine Fuehrungskrise zwischen Kasavubu und Lumumba zurueckgefuehrt, “westliches” Engagement auf finanzielle Unterstuetzung von Mobutu beschraenkt, und Katanga gar nicht einmal erwaehnt.
Spannend ging es aber fuer mich weiter, als der Dozent fragte, warum Afrika den immer wieder von bewaffneten Konflikten heimgesucht werde und sich scheinbar nicht selbst zu helfen wisse. Ich war gespannt, zu hoeren, was meine Kommilitonen wohl darueber sagen wuerden, und hielt mich zurueck mit den zahlreichen, komplexen und vielschichtigen Annahmen, die in meinem Kopf schwirrten. Umso erstaunter war ich ueber die selbstkritischen Antworten meiner KlassenkameradInnen:

1. “mangelnder Patriotismus, und zu grosser Egoismus”
mit der Begruendung, dass
– zahlreiche AfrikanerInnen danach streben, im Westen zu studieren, und selten wieder zurueck kommen, um ihrem Land etwas zurueck zu geben
– es schwierig sei, eine gute Idee voran zu bringen, den sobald jemand eine solche Idee hat, streben viele in der Umgebung danach, ihm oder ihr diese Idee wegzunehmen und sie als die eigene auszugeben.
2. “es ist ein Problem der Kultur”
daher sei es die beste Loesung, gutes Verhalten vom Westen und anderen Kulturen zu kopieren und in die eigene Kultur zu integrieren.

Nach 20 Minuten Zurueckhaltung versuchte ich, das koloniale Erbe als Faktor zu erwaehnen und sties dabei auf Ablehnung mit folgender metaphorischen Gegenargumentation:
“Wenn du mir einen Laptop gibst, und ich ihn einfach zerstoere, dann ist es doch meine eigene Schuld!”
Mir gefiel die Betonung der Selbstverantworung, anstatt immer wieder Kolonialismus oder Neokolonialismus zur Rechenschaft zu ziehen, und ich wurde etwas demuetiger (dennoch behielt ich im Hinterkopf, dass der Faktor Kolonialismus meines Erachtens doch zu einem gewissen Grad Einfluesse auf Konflikte gewirkt hat).

Obwohl ich den Kursen mit grosser Leidenschaft folge, so scheint es mir doch immer mehr, dass manchmal kritisches Denken, oder das Arbeiten mit mehreren Quellen (um die eigene Perspektive zu erweitern) nicht der Fokus des Studiums ist.

Als wir in der Klasse ueber Kultur sprachen, wischte der Dozent eine Definition an die Tafel.
Kultur ist “eine Ideologie, die das Handlen von Menschen bestimmt”. Nach kurzer Ueberlegung meldete ich mich und fragte nach, anstatt offen zu kritisieren : “Impliziert diese Definition dann ein statisches Konzept von Kultur, also dass sie nicht veraenderbar ist?”
Die Antwort: “Kultur veraendert sich nicht! Vielleicht hier und da ein wenig, aber sie bleibt im Grunde gleich.”
Kurz darauf meldete sich eine Studentin zu Wort, die sonst recht still geblieben war und sagte:
”Ich glaube aber, dass sich Kultur veraendert.” – und eine spannende Stunde der Diskussion war entflammt.

Bevor du über einen Menschen urteilst, gehe drei Monde lang in seinen Mokassins. Verständnis erwächst aus Demut, nicht aus dem Stolz zu wissen.
Tamaro, Susanna: Geh, wohin dein Herz dich trägt (1998)

One thought on “Erste Eindrücke vom studentischen Dasein in Kigali

  1. Das habe ich schon immer gesagt, diese junge kultur ist eben noch nicht reif, um selbstkritisch zu sein . das selbstbewustsein erwächst aus selbstständigkeit. Der westen hat es ist vielen jahrzehnt in studentenbewegung sich hart erarbeitet. Ich sehe es jetzt in Russland in den protesten von pussy roit- übrigens sie sängerin ist im knast und kämpft für die rechte von sträflingen- das gleiche. Du musst es wie eine experiment sehen , wie eine reise in die vergangenheit, wie eine Kindesentwicklung. du darfst nicht selbstgerecht urteilen sondern studieren und verstehen. nutze es für deine studien für die analyse.

    habe spass!!!

    Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s