Transitional Justice

Transitional Justice – das klang in meinen Ohren immer wie ein juristisches Fremdwort, bis jedoch Damas mir aufgetragen hat, eine Präsentation vorzubereiten, die im Rahmen eines Workshops am 16. & 17. Juli in Kigali gehalten werden sollte. Die Präsi sollte unter dem Titel stehen „Impact of research and ethical considerations“ – etwas, das ich mir so kaum vorstellen konnte. Ich las mich ein ein Qualitative Methoden und Schwierigkeiten bei der Feldfoschung, Veröffentlichung der Forschungsarbeit, und all das unter dem Stern ethischer Bedenken/ ethical considerations.

Als ich in dem Konferenzraum angekommen war, fiel mir sofort auf, was sich für eine Vielfalt in der Gruppe der Anwesenden widerspiegelte: von TeilnehmerInnen aus Norduganda, Ruanda, Südafrika, hin zu den OrganisatorInnen von der Oxford University und dem King’s College.

1. Methodologie
Der Einstieg in den Workshop stand unter der Leitfrage, warum eine gut durchdachte Methodologie so wichtig für den Forschungsprozess ist: Do Methodologies Matter?

– Selbstverständlich. Wissenschaft wird durch die Methode definiert.
Und vom Vorwissen, das uns mit Gründen ausstattet, um ein bestimmtes Problem anzusprechen. Denn zunächst muss die konkret definierte Forschungsfrage gefunden werden – und das bedeutet: „Lesen, Lesen, Lesen“.

Eine Professorin der Nationalen Universität betonte, dass gerade im Feld der Transitional Justice eine Beschäftigung mit Vergebung nicht im Rahmen einer festgelegten Methodologie möglich sei, sondern dass gerade bei so sensiblen und traumatischen Themen (v.a. in der qualitativen Forschung) ein gewisses Maß an Flexibilität nötig ist. Außerdem ist Objektivität in der Forschung zu Transitional Justice ein heikles Thema, da lokale ForscherInnen ja täglich mit der post-Konfliktsituation konfrontiert sind, und sich selbst nich aus der Gesellschaft isolieren können.

2. Ethische Dilemmata
Qualitative Methoden eignen sich am besten für die Untersuchung solcher intimen, persönlichen und subjektiven Prozesse wie Vergebung, jedoch werfen auch – und gerade diese – einige Bedenken auf, die mit ethischen Dilemmas verbunden sind:
– Der Zeitfaktor (wann kommt die ForscherIn zum Kennenlernen, wann zum Interview, wieviel Zeit wird der InterviewteN bei intimen Fragen gelassen)
– Sensibilität und Mitgefühl der ForscherIn
– „Research Fatigue“ – beispielsweise in Form des Phänomens, dass bereits oftmals interviewte Individuen ein gewisses Repertoire an Standardantworten benutzen
– Ethisches Dilemma der Privilegien (vor allem arme Interviewte können oftmals von dem Anblick der ForscherInnen darauf schließen, dass die Chance auf Geld gegeben ist, oder ein Interview bei Nicht-Entgeltung verweigern)
– Auch unsere eigene Subjektivität, unser eigenes emotionales Gepäck formt und beeinflusst die Forschung, die wir unternehmen
– Die Objektivikation des interviewten Individuums und seines Schicksals
– Eigene Erwartungen der Forschungsergebnisse
– Verlust wichtiger Aspekte durch Interpretation und Übersetzung

Vor diesem Hintergrund wurde im Kreis der ForscherInnen erneut kritisch betont, dass Demut eine zentrale Rolle im Forschungsprozess einnimmt. Häufig kommt es vor, dass ForscherInnen eigentlich gar nicht wirklich auf der Suche nach der Wahrheit oder neuem Wissen sind, sondern lediglich nach einem akademischen Grad. Forschung in egal welchem Gebiet erfordert Demut und ein offenen Verstand – wie es ein Teilnehmer formulierte, der am Zentrum für Konfliktforschung tätig ist:

„You think you know everything, but in fact, you don’t know anything“.

Eine Forschungsgruppe stellte ihr Projekt vor, das – so simpel es auch war, und ich zunächst gar nicht in die Forschungskategorie einordnen würde – brilliant zugleich war. Ein Radioprogramm zu „Vergebung“, das in Uganda, Ruanda sowie auf internationaler Ebene ausgestrahlt werden sollte.

Es gestaltet sich als eine Art komparative Studie darüber, wie sowohl Ugander als auch Ruander mit dem Thema Vergebung und Versöhnung umgehen, einerseits in Norduganda – wo die LRA 1986 – 2010 Kinder entführt und zu Soldaten gemacht hat, die teilweise ihre eigenen Verwandten umgebracht haben, und nun vor der schwierigen Aufgabe der Versöhnung stehen. Sowie in Ruanda, wo Hutu und Tutsi nach dem Völkermord wieder lernen mussten, miteinander zu leben und die Überlebenden Tutsi vor allem mit der Vergebung ringen mussten, die von ihnen erbeten wurde. Dabei ist aber kritisch zu beachten, dass ein Vergleich keinesfalls wirklich möglich ist.

Radio als ein Forschungsmedium – ist das möglich?
Der erste Eindruck beim Hören der Radioshow war ein sehr lebendiger für mich – bewegt und sehr berührend. Im Hintergrund waren Geräusche zu verorten, de – wenn du deine Augen schließt – dir das Gefühl geben, mit dem Storyteller vor Ort zu sein.

Ein Reporter begiebt sich auf die Reise, Menschen zu interviewen und ist gleichsam Storyteller und Beobachter – dadurch dass nur das Medium des Hörens aktiviert wird, ist es auch für die Zuhörer plötzlich möglich, „dabei zu sein“. Gefolgt von einer kurzen historischen Einführung in den jeweiligen historischen Kontext Ruandas und Ugandas, stellt der Reporter fest, dass in dem post-konflikt Umfeld nur sehr „little space for forgiveness“ vorhanden war.

Probleme die während der Diskussion über das Radioprogramm aufgekommmen sind drehten sich vor allem um Konzepte und Definitionen von Vergebung:
– Welche Rolle spielt Rache? – möglicherweise können durch die eindimensionale Kanalisierung der Gefühle auf das Hören visuelle Elemente verloren gehen, die Anzeichen auf Racheglüste verdeutlichen könnten.

Was vor allem deutlich wurde, ist dass ForscherInnen mehr und mehr vor der Herausforderung stehen, innovative, neue und kreative Wege zur Dissemination zu finden, die personenzentriert und gesellschaftlich orientiert sind. Mögliche Wege könnten sein: Radioshows, Theaterstücke, Online-Foren….

Schließlich kam die Frage auf, was als Bestandteil von Transitional Justice gelten kann, da der Begriff so weit ist und ziemlich alle sozialen, politischen und individuellen Sphären in einer post-konflikt Gesellschaft durchdringt. Schon eine Definition für Vergebung im Einklang zu finden, gestaltete sich als schwierig.
Was für Vergebung gebraucht wird, sind neben persönlicher Initiative, auch Mut, und aktives Tätigsein, d.h. einfach in die Aktion gelangen. Hilfreich kann außerdem eine supportive Umgebung sein, die Angehörige und Opfer im Prozess psychologisch unterstützt und sie miteinander in Kontakt bringt.

Das Thema „Transitional Justice“ soll endlich die ausschließlich akademischen Level verlassen – und wieder zurück in die Ebenen der Bevölkerung, wo der zetrale Prozess von Vergebung und Versöhnung stattfindet.

Was in dem Forschungsprogramm besonders hervortrat, ist die Bedeutung der Definition zentraler Forschungsbegriffe. Selbst in den Interviews kamen verschiedene Definitionen von Vergebung auf, die sich allesamt voneinander unterscheiden:

– eigene Wiedergeburt, sich selbst vom Hass befreien
– dem anderen Helfen bzw. etwas Gutes tun
– vollkomene Vergebung bedeutet vergessen
– ein Soldat, der einem Kind angeordnet hat, ihren Vater zu töten, hatte beispielsweise die subjektive Ansicht, dass es unmöglich sei, ihm für das, was er getan hat, zu vergeben. – seine Verbrechen waren seiner Ansicht nach jenseits jeder Vergebung.

Die Anwesenden ForscherInnen fügten weitere Elemente hinzu, die sie persönlich für wichtig erachten, wenn sie von Vergebung sprechen:
– der innere Heilungsprozess
– Hass mit innerer Kontrolle und Harmonie ersetzen
– Vergebung hängt außerdem vom Ausmaß/von der Schwere des Verbrechens ab
– Die Frage, ob Reparation eine Vorbedingung für Vergebung darstellt oder dem Wesen von Vergebung nicht eher widerspricht
– Die Frage, ob Vergebung ein universaler oder ein individueller Prozess ist.

Vor diesem Hintergrund steht auch die Wichtigkeit und Notwendigkeit, das Wesen bzw. die Definition von Vergebung zu erfassen, wenn in dem Feld geforscht werden soll.

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