Praktikum I: Ende

Praktikumsbericht

Praktikum bei Genocide Watch, Washington, D.C. (USA)
Im Sommersemester 2013 (beurlaubt)

09.03.2013 – 30.05.2013

1. Vorstellung des Arbeitgebers

Genocide Watch ist eine NGO (Non-Governmental Organization), die sich gegen Genozid, Massenverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit einsetzt. Die Zielsetzung liegt konkret in dem Bemühen, solche Verbrechen vorauszusehen und zu verhindern – durch das öffentliche Aussprechen von Warnungen und Politikempfehlungen, sowie darüber hinaus in dem Einsatz für strafrechtliche Verfolgung und Rechenschaftspflicht der Verbrecher.
Genocide Watch wurde gegründet, um als Katalysator für die Entstehung einer internationalen Bewegung gegen Genozid zu fungieren – so hat die NGO den Vorsitz der Internationalen Allianz gegen Genozid inne (International Alliance to end Genocide: IAEG), die mehr als 50 Mitgliedsorganisationen weltweit repräsentiert. Die Allianz dient als Dachverband, um das gemeinsame Ziel zu koordinieren, die Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger über Ursachen, Prozesse und Frühwarnzeichen von Genozid aufzuklären, sowie die nötigen Institutionen und den politischen Willen zu stärken, welche dazu beitragen können, Genozid zu verhindern.
Die Analyse aktueller tagespolitischer Ereignisse, anhand derer Warnungen und Empfehlungen zur Genozidprävention ausgesprochen werden, orientiert sich an dem Konzept der „8 Stufen des Genozids“ (online abrufbar unter: http://genocidewatch.net/genocide-2/8-stages-of-genocide/) , das erstmals von Dr. Gregory Stanton, dem Präsidenten und Gründer von Genocide Watch, erarbeitet wurde.
Genocide Watch basiert primär auf einer Internetpräsenz, deren einfacher Zugang den Blick der Öffentlichkeit auf gefährdete Situationen lenken soll. Die Website ist das meistbesuchte Medium, das bezüglich Genozid konsultiert wird und dient der allumfassenden, frei zugänglichen Bildung, da sie zahlreiche Ressourcen und Artikel zum genozidalen Prozess publik macht.
Das Modell der 8 Stufen ermöglicht die Einstufung bestimmter Länder oder Situationen hinsichtlich der Gefahr eines Genozids und ermöglicht ein voraussehendes, präventives Handeln durch das Aussprechen von Genozid-Warnungen und –Notfällen, sowie Policy-Empfehlungen für Regierungen, internationale Organisationen und NGOs.
Genocide Watch hat des Weiteren einen Vorschlag zur Institutionalisierung eines Genocide Early Warning Centers auf UN-Ebene entworfen. Dies ist das Modell, an dem sich die Arbeit der NGO orientiert, die aber aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen nicht in dem Ausmaß umsetzbar ist, wie es ursprünglich institutionell angedacht war. Die NGO ist nicht profitorientiert und basiert hauptsächlich auf dem Engagement von unbezahlten PraktikantInnnen, sowie dem Einsatz von Dr. Gregory Stanton, der als hochkarierter Genozidforscher durch Vorträge und Konferenzen Einnahmen erzielt, die zur finanziellen Unabhängigkeit von Genocide Watch beitragen.

2. Eigene Tätigkeiten

Gleich zu Beginn meines Praktikums bei Genocide Watch durfte ich an der Organisation und Durchführung des National Action Summit for Sudan teilhaben, der größten nationalen Konferenz für einen Einsatz gegen den sudanesischen Genozid.
Die zweitätige Konferenz beinhaltete problemorientierte Workshops, Panels, Diskussionen und Vorträge anerkannter Advokaten, darunter der ehemalige Chefankläger des internationalen Strafgerichtshofes Luis Moreno-Ocampo, Mukesh Kapila, Sonderbeauftragter des Aegis Trust für die Bekämpfung von Verbrechen gegen die Menschheit, sowie Ken Isaacs, Nasredeen Abdulbari, Ahmed Hussain Adam, Abdalhaleim Hassan und zahlreiche VertreterInnen der SLMA – Diaspora, SPLM und unabhängige sudanesische AktivistInnen. Die Konferenz war mehrheitlich von Angehörigen der sudanesischen Diaspora dominiert und vermittelte umso mehr eine Authentizität des Anliegens, das genozidale Regime Omar al-Bashirs zu beenden.
Meine Aufgaben lagen dabei einerseits in der Koordination der Konferenz – d.h. dafür zu sorgen, dass der Zeitplan eingehalten und alle TeilnehmerInnen rechtzeitig zu den Vorträgen und Räumen geleitet wurden – andererseits in der Verpflegung und Bedienung der TeilnehmerInnen während der Mittagspause. Darüber hinaus durfte ich natürlich an den Workshops teilnehmen und den Diskussionen zuhören.
Zum Abschluss der Konferenz stand Lobbying im Repräsentantenhaus auf der Agenda – eine Erfahrung, die ich mir nicht entgehen lassen konnte. In einer Gruppe besuchten wir zahlreiche Abgeordnetenbüros und stellten unser Anliegen dar, sich in
der U.S.-Außenpolitik stärker gegen al-Bashir zu positionieren, und gegebenfalls intensiv gegen ihn vorzugehen.
Obwohl dies meine erste Lobbying-Erfahrung darstellte, durfte ich eine aktive Rolle in den Gesprächen einnehmen. Ich versuchte, einen Bezug zur internationalen anti-Genozid Bewegung zu artikulieren, da ich Verbindungen zu Genocide Alert – einer deutschen NGO pflege, und auf der Basis meines politischen Vorwissens internationale Politikfaktoren darzulegen, die gesamt-regional destabilisierende Wirkung entfalten können.
Als Regionaldirektorin des Gebiets der Großen Seen in Afrika deckten meine Analysen und Recherchen im Büroalltag die Länder Ruanda, Uganda, Burundi und die Demokratische Republik Kongo ab – auf die ich durch meinen persönlichen Lebensweg ohnehin spezialisiert bin. Darüber hinaus wurde ich aufgrund meiner Sprachkenntnisse einem grossen Teil des russischsprachigen Gebietes zugeordnet, Deutschland und den USA, sowie Indien und Sri Lanka.
Meine Aufgabe bestand in Einklang mit der grundsätzlichen Funktionsweise der NGO in der täglichen Beobachtung und Analyse der regionalen Nachrichten und Ereignisse sowie der Auswahl problembezogener Artikel, die regelmäßig auf der neuen Webseite aktualisiert werden mussten.
Als Direktorin für Genozidprävention und Versöhnung war ich außerdem zuständig für die Analyse und das Zusammentragen von Materialien und Ressourcen, die diese Thematiken behandeln, um sie auf der neuen Webseite zu veröffentlichen.
Eine besondere Aufgabe, die sich insgesamt als großer Fortschritt für Genocide Watch gestaltete, lag für mich im Design und Konstruktion der neuen Website (abrufbar unter http://www.genocidewatch.net) , die als Plattform für die Arbeit der NGO dient – da hier alle relevanten Informationen zusammengetragen und für eine möglichst breite Öffentlichkeit verfügbar gemacht werden. In Teamarbeit mit den anderen Praktikantinnen passten wir die Internetpräsenz von Genocide Watch an moderne Anforderungen an, erweiterten sie um soziale Medien wie Twitter und facebook und erstellten einen Fundraising-Account, über den Genocide Watch sich effizienter finanzieren kann.

3. Relevanz für die angestrebte Berufstätigkeit

Nach meinem Bachelor-Studium Governance & Public Policy, welches als interdisziplinäre Ausbildung eine fundierte Grundlage für weitergehende Studien bietet, möchte ich einen Masterstudiengang zu Genozidstudien absolvieren und somit meine Ausbildung weiterhin genau diesem Thema mit solcher Leidenschaft widmen wie bisher.
Von dem Praktikum bei Genocide Watch habe ich einen vertieften Einblick in die Arbeitsweise einer internationalen NGO erhalten, die sich für solch komplexe Anliegen einsetzt wie der Verhinderung von Verbrechen an der Menschlichkeit und Genozid. Dort konnte ich tiefgehendes Wissen in genozidale Prozesse erwerben, insbesondere anhand aktueller Fälle wie der DRKongo und dem Sudan. Durch meinem Praktikumsgeber Dr. Gregory Stanton, der ein international anerkannter und wegweisender Genozidforscher ist und mir Zugang zu relevantem Fachwissen erteilte, erhielt ich während des Praktikums durch die Lektüre einiger ausgewählter Basiswerke tiefgehendes Wissen um den genozidalen Prozess sowie den aktuellen Forschungsstand. Ich konnte mein Blickfeld für verschiedene Fallstudien dahingehend erweitern, dass ich mich für eine systematischere Forschung bereit sehe.
Durch Vermittlung über meinen Praktikumsgeber, Dr. Gregory Stanton, habe ich ausserdem eine Praktikumsstelle bei der staatlichen ruandischen Kommission für den Kampf gegen Genozid (http://cnlg.gov.rw/) erhalten, welche ich im Juli antreten werde. Dies wird mir, so hoffe ich – aus staatlicher Perspektive eine weitere Facette der Genozidprävention nahe bringen können.
Das Praktikum bei Genocide Watch hat mir zahlreiche Einsichten in meine berufliche Zukunft geben können – von professionellen technischen Fähigkeiten (Policy Analysis, Webhosting, Auswahl relevanter Informationen), über Kontakte und Verbindungen, sowie Möglichkeiten, die berufliche Zukunft in dem Feld der internationalen Organisationen zu gestalten. Mit meiner intrinsischen Motivation und der Perspektive, in diesem Feld der internationalen Politik Fuß zu fassen, bin ich davon überzeugt, dass dieses Praktikum eine besondere Relevanz für meine persönliche wie berufliche Zukunft hat.

4. Erfahrungen

Professionell konnte ich, wie bereits ausgeführt, auf Ressourcen zur Genozidforschung zurückgreifen und durch aktive Recherche mein Wissen über Genozid, Prävention und aktuelle politische Entwicklungen zur Institutionalisierung von Frühwarnsystemen sowie der Verhütung von Massenverbrechen vertiefen. Ich lernte außerdem, in einer internationalen Arbeitsatmosphäre in Teamarbeit eine komplette Internetpräsenz zu erneuern. Dies stärkte meine Teamfähigkeit und interkulturelle Kompetenz und erweiterte meine Fähigkeiten des Webhosting und der Nutzung sozialer Medien zur Öffentlichkeitsarbeit. Die bereits erwähnte Lobbyingerfahrung war außerdem von großer Bedeutung für meinen professionellen Werdegang, zumal ich einen Einblick in die U.S.-amerikanische Politikgestaltung erhielt, meine politische Artikulationsfähigkeit stärken, sowie diesbezüglich mein Selbstbewusstsein ausbauen konnte.
Auch kulturell konnte ich interessante Erfahrungen sammeln, da ich mit einer Gastfamilie zusammenleben durfte, die mich an einigen Wochenenden zu kulturellen Veranstaltungen – vor allem künstlerischer Art – mitnahm. Ich lernte die Bedeutung von Religion kennen, die für meine Gastfamilie den Alltag maßgeblich mitgestaltete. Außerdem setzte ich mich mit U.S.-amerikanischen liberalen Bewegungen auseinander, deren Anhängerin meine Mitbewohnerin war – von ihrer Bedeutungszuschreibung der amerikanischen Verfassung und dem Recht auf Waffenbesitz – ein sehr heikles Thema, mit dem ich mich hier erstmals intensiv auseinander setzte.
Auf persönlicher Ebene bereicherte mich vor allem die kommunikative Kultur der U.S.-BürgerInnen, vor allem in politisch aktiven Gruppen. Ich lernte die Bedeutung von Selbstdarstellung, -artikulation sowie sozialen Fähigkeiten intensiver kennen und schätzen. Der Aufenthalt in den U.S.A. war für mich eine besondere Erfahrung, meine Kommunikationsfähigkeit auszubauen und neue, interessante Kontakte zu knüpfen, Lebensgeschichten auszutauschen, und bemerkenswerte, inspirierende Persönlichkeiten zu treffen – darunter Paul Wilkens, der während des Völkermordes als einziger U.S.-Bürger in Ruanda geblieben ist, und Thet Sambath, der die Geschichte Kambodschas investigativ aufgerollt hat, indem er einen der Haupt-verbrecher des Pol Pot Regimes interviewt und schließlich vor Gericht gebracht hat.
Die Begegnungen, die ich mit sehr inspirierenden Menschen machen durfte, ermutigten mich auf meinem eigenen persönlichen Lebensweg, meine Zielsetzung mit Hingabe weiter zu verfolgen und gemeinsam für eine Zukunft ohne Genozid aktiv zu werden.
Ein Praktikum bei Genocide Watch ist jedoch aufgrund der Thematik nicht jedem zu empfehlen, der oder die sich nicht grundsätzlich für Genozidprävention interessiert und sich damit intensiver auseinandersetzt. Um effektiv arbeiten zu können, sollten einige Grundanforderungen und grundsätzliche Kenntnisse über Genozid bereits vorhanden sein. Außerdem ist emotionale Belastbarkeit eine notwendige Fähigkeit für ein Praktikum in diesem bereich, da insbesondere Genocide Watch regelmäßig Emails von betroffenen Individuen erhält, die Grauen und Leidensgeschichten schildern – diese Emails müssen sensibel gehandhabt werden und mit größter Sorgfalt und Empathie beantwortet werden. Auch erreichen uns sehr bedrückende Fotos und Bilder von Konfliktsituationen in Syrien bis hin zu genozidalen Massakern in Burma – ein Anblick, der für zart besaitete Persönlichkeiten nicht empfehlenswert ist. Ein Praktikum in Selbstorganisation kann zwar einen hohen Kosten- und Zeitaufwand mit sich bringen, ist aber meines Erachtens die beste Möglichkeit, den eigenen beruflichen Weg zu personalisieren.

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