D.C. Regional Transformational Leadership Program

Mir wurde die wunderbare Möglichkeit gegeben, an dem  “Washington, D.C. Regional Transformational Leadership Program” vom Institut für Nachhaltigen Frieden teilzunehmen, welcher sich der Frage widmete, was Frieden eigentlich bedeute. 943487_10151579991004513_2044692630_n

Dieses Programm hat zum Ziel, grundlegende Führungs- und Peacemaking-Skills zu vermitteln – insbesondere für post-Konflikt-Gesellschaften, und in diesem Fall für Mitglieder der sudanesischen Diaspora in der Region um Washington, D.C.

Die Teilnehmer*innen repräsentierten verschiedene Regionen des Sudan/Südsudan – einige kamen aus Blue Nile, andere aus Darfur, Khartoum oder Kordofan. Doch sie alle eint der Wille, einen Friedensprozess in Sudan voranzutreiben, der ihren Schwestern und Brüdern endlich den lang ersehnten Frieden bringen kann. Da dieser Workshop vor allem auf sudanesische zukünftige (politische) Führer*innen und Advokat*innen ausgerichtet war, nahm ich zunächst vielmehr die Rolle des Bystanders ein, der Beobachterin, die ebenso besorgt um die Lage im Sudan ist, aber gleichzeitig eine emotionale und professionelle Bindung mit den Anwenden eingehen wollte.

Mr. Randall Butler, ein wunderbarer Mensch, der sowohl Gründer als auch CEO des Institute for Sustainable Peace ist und den Workshop leitete, stellte uns die Frage, wie post-Konflikt-Gesellschaften ermächtigt werden können, zusammen zu arbeiten (für das gemeinsame Ziel: Frieden), trotz ihrer emotionalen und persönlichen Unterschiede.
Wir sollten uns einen großen Stahlbehälter vorstellen, der in der Stahlproduktion verwendet wird. In einem solchen Behälter werden Metalle und Chemikalien zusammengebracht und ultrahocherhitzt, bis zu 1500 °C, wobei der Behälter während des gesamten Prozesses die Hitze und Energie aushält, ohne auseinander zu fallen oder zu zerbrechen.
Mr. Butler wandte sich daraufhin zu uns und fragte:

Was wäre, wenn es uns möglich wäre, einen ähnlichen Behälter zu bauen, der stark genug ist, um die Energien unserer Unterschiede auszuhalten?


Mentale Modelle und der Moment des Bewusstseins

In einem ersten Schritt wurden wir, die wir teilnahmen, mit unseren eigenen Mentalen Modellen (ich kann mir nicht genau eine Übersetzung herleiten, aber ich würde sagen, sie entsprechen unserer Vorstellung von Vorurteilen) zu konfrontieren. Diese Mentalen Modelle nutzen wir im Alltag, da sie uns helfen, die Umwelt und unsere Erfahrungen zu interpretieren.
Sie sind nicht grundsätzlich negativ; normalerweise helfen uns internalisierte Mentale Modelle, alltägliche Routine-Aufgaben auszuführen, ohne viel darüber nachzudenken, warum wir etwas auf welche Art und Weise tun (Bsp. die Tür des Autos öffnen, einsteigen, den Motor anschmeißen etc.).

Dennoch gibt es eine Lücke zwischen den Mentalen Modellen und der tatsächlichen Handlung, die wir ausführen: diese Lücke repräsentiert den Reaktionsprozess, der uns zur Handlungs- und Willensfreiheit ermächtigt.

“Everything can be taken from a man but one thing: the last of the human freedoms—to choose one’s attitude in any given set of circumstances, to choose one’s own way”.

Holocaust Survivor Viktor E. Frankl, “Man’s Search for Meaning”

Genau dieses Bewusstsein, dass wir die Freiheit haben, zu entscheiden, ist der erste Schritt auf dem Weg, mit unseren Unterschieden oder Konflikten konstruktiv umzugehen.
Eng damit verbunden ist das Konzept der “Leiter der Schlussfolgerung”, die uns Mr. Butler anhand einer persönlichen Geschichte schilderte:

Bei einem ähnlichen Workshop, den er im ehemaligen Jugoslawien mit Serben, Bosniaken, Koraten und Mazedoniern hielt, hatten sich die Teilnehmer*innen darauf geeinigt, Englisch zu benutzen, sodass alle einander verstehen können.
An einem Tag des Workshops, als es Zeit für die Mittagspause war, kam Randall an einen Tisch, an dem nur Serben saßen, und setzte sich zu ihnen. Doch sie unterhielten sich auf Serbisch, und trotz seiner Anwesendheit (er sprach kein Serbisch), führten sie ihre Konversation auf Serbisch weiter. Er fühlte sich ausgeschlossen und agierte, auf Basis seiner Mentalen Modelle, mit direkter Beurteilung der Situation. Das Gefühl, dass Serben grundsätzlich etwas gegen Amerikaner haben, weil sie ihn nicht in ihr Gespräch einbinden wollten, mündete in der Schlussfolgerung:

Serben mögen keine Amerikaner. Ich mag auch keine Serben.

In einer solchen Situation wurde die Leiter der Schlussfolgerung zu schnell erklimmt, ohne tiefergehende Reflexion. Sie entspricht folgendem Handlungsvorgang:

– Beobachtung  einer Situation (dass die Gruppe weiterhin serbisch sprach)
– selektive Wahrnehmung einzelner Aspekte
– persönliches Hinzufügen von Bedeutung (kulturell und emotional)
– Ich mache Annahmen, die auf der hinzugefügten Bedeutung beruhen (“sie haben etwas gegen mich”)
– Ich ziehe Schlussfolgerungen
– Ich konstruiere ein Weltbild (Serben vs. Amerikaner)
– Ich handle nach diesem Weltbild

Am nächsten Tag ging er zu der Gruppe zurück und fragte offen und ehrlich, warum sie in seiner Anwesendheit weiter serbisch sprachen, wobei sie doch anfangs vereinbart hatten, Englisch zu benutzen.
Die Gruppe antwortete, dass es nichts mit ihm zu tun gehabt hätte, sondern dass sie ein sehr persönliches, emotionales Gespräch führten, bei dem sie ihrem Freund beistehen wollten, und es nicht unterbrechen wollten.

→ Wenn wir verhindern wollen, die Leiter der Schlussfolgerung nach unseren alten Mentalen Modellen zu erklimmen, müssen wir unser Verlangen nach Gewissheit lockern und unsere Mentalen Modelle (zumindest vorübergehend) außer Kraft setzen.

Generativer Dialog

Da jede Form von Führung und gesellschaftlicher Interaktion auf Dialog basiert, nahmen wir uns in der Gruppe etwas Zeit, um darüber nachzudenken, was “Dialog” eigentlich bedeutet. Im Abschluss definierten wir den Dialog als Gespräch mit einem Zentrum, es geht also darum, über ein bestimmtes Thema oder eine Problematik zu  sprechen, nicht im Sinne von zwei entgegengesetzten Standpunkten. Dialog in diesem Sinne meint, unsere Unterschiede in neue Chancen und neue Wege zu kanalisieren, um das zentrale Problem zu behandeln.
Wir identifizierten vier Praktiken, die den generativen Dialog fördern:

Zuhören: d.h. den anderen zuhören, aber auch uns selbst, um uns über unseren eigenen Standpunkt und unser Denken bewusst zu werden und es so den anderen sichtbar zu machen. Es ist vorteilhaft, zuerst danach zu streben, die anderen zu verstehen, und dann selbst verstanden zu werden.

Respektieren: nicht als passiver Akt, sondern als Aktivität, durch die wir die “anderen” als Wesen wahrnehmen, die unveräußerlichen Wert und Würde besitzen. In dieser Bedeutung meint Respekt auch die Bereitschaft, andere zu ermutigen, selbst wenn sie anderer Meinung sind, ihre Meinung zu äußern, und dadurch Raum für Unterschiede zu schaffen.

Außer-Kraft-Setzen (Suspending): das Bedürfnis nach Sicherheit und Gewissheit loslassen. Das meint nicht, seine eigene Meinung zu verleugnen oder sich selbst aufzugeben, sondern sie zu äußern, für sie einzustehen, aber gleichzeitig Brücken der Verständnis zu bauen. Es schließt einen Prozess der Selbstreflexion ein, durch den wir unsere eigenen Mentalen Modelle untersuchen.
Es geht letztlich nämlich vielleicht gar nicht darum, immer die Antwort zu haben, sondern die richtigen Fragen zu stellen.

Äußern: sich mutig und selbstbestimmt zu äußern, die Selbstzensur zu überwinden und bereit zu sein, neue Denkweisen aufzunehmen – für das gemeinsame Ziel. Das heißt also, Bereitschaft zu haben, seine eigene Narrative zu teilen.

Von den einleitenden Methoden und Konzepten für friedliche, konstruktive Gesprächsführung inspiriert, stürzte sich die Gruppe in eine Diskussion über gesellschaftlichen Wandel und die Herausforderungen, mit denen sowohl Sudan als auch Südsudan konfrontiert sind.
Einig waren sie in der Zustimmung zu Idee und Vision von John Garang de Mabior (Gründer und Führer der SPLA ~ Sudan People’s Liberation Army),
der 2002 Friedensverhandlungen mit Omar al-Bashir aufnahm, die letztlich in dem Comprehensive Peace Agreement (9 January 2005) mündeten.
Als Bestandteil des Friedensvertrags wurde Garang zum Vizepräsidenten vom Sudan erklärt. Er hatte lange Zeit all die Hoffnungen und Visionen der Südsudanesen getragen, dennoch ließ sein frühzeitiger Tod eine unerreichte Mission hinter sich, sowie große Unsicherheit im Süden.

Bald schon änderte die Diakussion die Richtung in die zukunftsorientierte Frage, wie es möglich wäre, die sudanesische Kriegskultur in eine Friedenskultur zu tranformieren.
Einige Stimmen in der Gruppe betonten die Notwendigkeiten des capacity building, in erster Linie durch Bildung und Infrastruktur – da diese eine notwendige  für jegliche Form der Transformation darstellen.
Andere hingegen sahen den ersten Schritt, der getan werden müsse, in der Eliminierung Omar al-Bashir (nicht notwendigerweise physisch, jedoch zumindest aus der Führungsposition), ohne die jeder Schritt vorwärts einen Schritt rückwärts darstellen würde.
Eine Teilnehmerin betonte die Schwierigkeit des Abhängigkeitsverhältnisses, das durch humanitäre Organisationen in den IDP Camps (Internally Displaced People) hervorgerufen wird – nämlich in der Wahrnehmung, dass die IDPs lieber in den Camps bleiben, in denen sie bessere Nahrung bekommen, als sie je in ihren Dörfern erwirtschaften können.
In diesem Zusammenhang wurden zahlreiche Probleme angesprochen, bis das Gespräch letzten Endes in die Frage nach den Ursachen des Konflikts umschlug. An diesem Punkt schien die Gruppendynamik in eine fundamentalere Debatte überzugehen.

Ein Teilnehmer sah die Wurzel des Übels in einem Kampf der Kulturen zwischen afrikanischen und arabischen Gruppen, und betonte, dass der Tribalismus, der nun den Konflikt nährt, traditionell Teil der arabischen Kultur sei, während afrikanische Gesellschaften grundsätzlich matriarchale, Frauen-zentrierte Gemeinschaften seien. Er verdammte die Arabisierung der Afrikaner als Hauptgrund für die Problematik im Sudan.
Sofort wurde diese Position von einer entgegengesetzten Meinung herausgefordert, welche die Existenz von Tribalismus und Ethnizität grundsätzlich verneinte, und das Übel in den finanziellen Methoden verortete, die al-Bashir und seine Klique nutzten, um gesellschaftliche Gruppen gezielt gegeneinander auszuspielen.
So wandelte sich der Dialog in eine Debatte unterschiedlicher Positionen, bis eine Teilnehmerin auf die eben gelernten Skills hinwies und zu Sprache brachte, dass wir alle unterschiedliche Meinungen haben, aber unsere Aufgabe nicht darin lag, diese Meinungen zu examinieren, sondern einen Friedensprozess in Gang zu bringen (anstatt in der Vergangenheit nach Wurzeln zu graben).

Wahrheit, Gnade, Gerechtigkeit und Frieden.

Der Zweite Teil des Workshops widmete sich dem Prozess des Übergangs von einem offenen Geist zu einem offenen Herzen.
In einer interaktiven Übung setzten wir uns mit der Beziehung zwischen Wahrheit, Gnade, Gerechtigkeit und Frieden auseinander. Auch hierbei divergierten die Ansichten, und die Frage kam schnell auf : was hat höhere Priorität? Was muss zuerst durchgesetzt werden? Kann Gerechtigkeit ohne Frieden überhaupt existieren?
Einige sagten, dass nichts möglich sei, solange die Waffen noch benutzt werden, doch andere betonten, dass es von der Definition abhinge, die wir an den Frieden legen. Bedeute Frieden die Abwesendheit von Krieg, dann brauchen wir zunächst Waffenruhe. In einer langfristigen Perspektive ist positiver Frieden jedoch nur in Zusammenhang mit den anderen Faktoren zu erreichen.
Nach einer intensiven Diskussion über Wahrheit und Vergebung, Amnestie und Straflosigkeit, vergangenheitsorientierte und zukunftsorientierte Gerechtigkeit, schienen sich die Positionen zumindest darauf zu einigen, dass langfristig alle Faktoren miteinander in Beziehung stehen und nicht isoliert voneinander betrachtet werden sollen.

Was wäre nötig, um Omar al-Bashir zu marginalisieren?

Während wir einen möglichen zukünftigen Weg für den Sudan diskutierten, kamen verschiedene Ansätze auf. Einige zeigten, dass sie -im wahrsten Sinne des Wortes – den Konflikt satt haben, und betonten, dass der Schutz von Zivilisten absoluten Vorrang habe. Andere hingegen würden weitere Waffengewalt in Kauf nehmen, oder gar Luftschläge gegen die Sudanesische Luftwaffe befürworften.
Jene, die sich gegen Waffengewalt aussprachen, betonten, dass die Lösungen von Gestern der Vergangenheit angehören, und dass die zahlreichen Friedevsvereinbarungen zu keinem Ende des genozidalen Vorgehend al-Bashirs geführt hätten.
Andere wiederum äußerten ihre Hoffnung in die sudanesische Opposition und einen demokratischen Transformationsprozess, aber vor allem jungen Teilnehmer*innen widerstrebte dieser Ansatz, da es ihrer Meinung nach immer die gleichen alten Gesichter seien, die an der Spitze der Opposition stehen und trotzdem zu keiner Veränderung beitrügen.
Abschließend kam die Idee auf, man sollte doch einen solchen Workshop, wie wir ihn machen durften, mit al-Bashir und seiner Regierungsclique durchführen. Wenn diese Möglichkeit bestünde, gäbe es wirkliche Aussicht auf Vergebung, Gerechtigkeit und letztendlich Frieden.

Dieser Workshop war eine unglaubliche Erfahrung für alle Teilnehmer*innen. Obwohl ich keine Sudanesin bin, konnte ich in allen Schritten und Arbeitseinheiten etwas (wieder-)finden, das mir persönlich in meiner Entwicklung helfen kann.
Ein besonderer Aspekt, dem ich diesen Wochenende zuschreibe, ist der unglaubliche Gehalt an Emotionalität und Menschlichkeit. Denn viele workshops, die ich zuvor besucht hatte, hielten sich auf einer sehr intelektuellen Ebene auf, wohingegen hier Platz für Emotionen und gar Tränen war (und diese nicht als naiv oder verweichlicht abgewertet wurden). Der Teamleiter Randall, erzählte uns von persönlichen Erlebnissen, mit Tränen in den Augen, von seinem eigenen Heilungsprozess, von seinem persönlichen Vergebungsprozess, den er durchlaufen musste, und dem Ausbruch aus dem Teufelskreis der Gewalt und der Schuldzuweisungen.
Ich bin mir sicher, dass dieser Workshop in meiner Erinnerung bleiben wird, und seine Inhalte noch so einige Male vor meinem Geistigen Auge auftauchen werden, wenn ich mir wieder bewusst werde, dass ich keine konstruktive Peacemakerin sein kann, wenn ich den Frieden nicht auch in meinem eigenen Leben erreichen kann.

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