Den Seelenfrieden erkaufen.

Ich weiß nicht genau, was es war, doch irgendwas brachte mich heute dazu, “In Ordnung” zu sagen, als mich meine Vermieterin fragte, ob ich nicht mit zur Oster-Messe kommen wolle. Ich hatte sie eigentlich nur fragen wollen, ob sie mich in der Nähe von einer Metro-Station absetzen könne, damit ich an diesem verregneten Sonntag irgendwelche Museen abklappern würde, und vielleicht war es reiner Pragmatismus, zu sagen “ok, ich komme mit in die Messe”, damit ich Transportkosten sparen würde. Aber wie Kierkegaard so schön feststellte, und wir es immer wieder erleben:

Man kann das Leben nur vorwärts leben, verstehen muss man es rückwärts.

Vielleicht interpretiere ich im Rückblick zu viel in diese seltsame Messe, vielleicht auch weil heute so ein verschmuster zu-Hause-Tag ist, und sonst nicht wirklich viel geschiet. Doch erlaubt mir, kurz von diesem interessanten Ereignis zu erzählen.

Als sie mich gefragt hat, ob ich mitkäme, dachte ich “Bitte nicht.”
Mit Religion und ihren missionarischen Appellen kann ich herzlich wenig anfangen. Nagut, ich würde mitkommen, eine Stunde da sitzen und mich amüsieren, sei es drum.
Auf dem Weg schwärmte die Dame von der Kirche, von Jesus Christus, der ihr begegnet war, von dem Pastor, der Jude gewesen war und doch zur Vernunft gekommen sei, als er Christus entdeckt hat [sic!] …, all solche Geschichten, die ich mit Geduld anhörte, innerlich belächelte, und bei denen ich mich immer wieder fragte – warum glauben solch intelligente Menschen an Kindergeschichten?
Und ich ertappte mich immer wieder mit einem latenten Gefühl der *Überlegenheit; ja ich, dürfte es vielleicht nicht aussprechen; aber während ich über religiöse Menschen und ihre irrwitzigen Vorstellungen von lebenden Toten, jungfräulichen Müttern und patriarchalen Selbstverständlichkeiten schmunzelte – und gleichzeitig immer wieder Appelle der Toleranz und der Freiheit zur Selbstbestimmung  sowie zum Respekt äußerte [und selbst eine Tätowierung trage, die das Miteinander der Weltreligionen anstrebt] —-

trotz allem muss ich zugeben, wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, hierarchisiere auch ich, nämlich dadurch, dass ich diese höchst religiösen Menschen heimlich belächele.
Nun, als wir die Kirche betraten, dachte ich für einen Moment, wir sehen gleich Rihanna auf der Bühne. Der Saal war gigantisch, die Bühne geschmückt, zahlreiche Bildschirme; es war wie Bibel TV, auf das ich früher beim zappen aus Versehen gestoßen bin, und verlächerlicht habe. ich dachte: “typisch, Kirche. Braucht ihr das alles, um Menschen Liebe zu predigen?” Und ganz plötzlich überfiel mich solch eine Scham, ich kann das Gefühl nicht erklären, es war seltsam. Auf der Bühne begann Gesang, wunderschöne Stimmen und ein ganzes Orchester, es war rührend – hätte ich, jedes Mal, wenn die Worte “Gott” oder “Jesus Christ” fielen, diese mit “Liebe” ersetzt – und das tat ich in Gedanken – und prompt ertappte ich Tränen in meinen Augen.
Natürlich verstehen wir einander! Wir alle suchen Halt, irgendeinen Sinn, und vor allem:

VERGEBUNG

Nur die Worte, die wir auf der Suche verwenden, unterscheiden sich. Und die Auffassung der Menschen, die infiltriert werden von Paradigmen, welche die Welt erklären sollen; die sind gefährlich. Warum ich das sage?  Nun. Ich habe sonst recht viel Abstand zum Christentum, aber meiner Vermieterin – mit der ich häufig spreche – hat ein besonderes Verhältnis zur Religion. Und – “die Liebe” weiß, sie hat Grund dazu. Doch eines Abends sagte sie zu mir, dass der Islam einen furchtbar blutigen Wesenskern habe. Gar parasitär, denn jede*r Muslim*in wolle in letzter Instanz die Sharia etablieren.
Ich sah sie verdutzt an, und dachte: “eine 56jährige, weltoffene Frau, mit überragenden Sprachkenntnissen, sie will mir diese alte Schiene vom Kampf der Kulturen verkaufen? Der Islam habe blutige Grenzen?
Oh.
Ich bin etwas abgewichen, doch ich denke, diese Situation hilft, meine Gefühle zu erklären, die ich in diesem Moment hatte.
Nun, die Lieder waren wunderschön. Und ich konnte mich mit der Sehnsucht anfreuden, die all diese Menschen einte: die Sehnsucht nach Liebe, nach “Erlösung”, nach einem Sinn, nach Hoffnung. Nach all den Dingen, die wir Menschen uns selbst versagen (warum auch immer). Doch nach dem Gesinge gingen die Klimperbeutel um – und ich war beschämt. Klar, für mich war es klar wie Einheitsbrei: Geschäft. Religion = Business. Das durfte ich schon in DRC, Rwanda und Kazakhstan sehen. Ich saß wie ein Stein.
Meine Vermieterin gab ihrem Sohn 10 $, wartete, und gab mir dann 10 $ – und sagte dabei (die roten Säckchen waren schon unterwegs):

Du kannst die 10 $ behalten, oder an die Kirche spenden, aber wenn du sie gibst, dann wirst du gesegnet”

Sie lächelte und sagte ” du wirst gesegnet!”  Ich gab ihr das Geld zurück und sagte “Nein, das werde ich nicht.”

Ich glaube, durch diesen unscheinbaren Tag habe ich doch eine Lesson learned in Life gefunden: “Schauen/Adaption  – ja, aber gib dich niemals selbst auf”.

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