Flugzeuge im Himmel und Fernweh

Wenn ich abends rausgehe, Sterne am Himmel von der Unendlichkeit des Universums erzählen, der Mond zu mir herunterlächelt und die Lichter der Stadt den Horizont vom Leben & Treiben rot-gelb aufleuchten lassen, habe ich eine seltsame Ruhe in mir. Ich ziehe an meiner Zigarette und beobachte Flugzeuge, die wie bewegte Sterne die Welt erreichbar machen. Ich sehne mich an einen anderen Ort. Heute Artikel über die DRKongo ge-updated – wie gerne wäre ich jetzt dort und würde mein Herz für Frauen öffnen, deren Stimmen einfach nur gehört werden möchten. Um im nächsten Moment an Kambodscha zu denken und sich vorzustellen,” ich könnte doch mal”….

Es tut gut, sich dem Fernweh hinzugeben, und gleichzeitig kann es schaden, wenn wir vergessen, wozu wir hier sind. Sich immer an einen anderen anderen Ort zu sehnen, deutet doch darauf hin, das etwas nicht stimmt.

Ich bin gerade in Washington! Je öfter ich mir das selbst gewissermaßen vorwerfe, desto beschämter werde ich, wenn mich wieder einmal dieses verflixte Fernweh heimsucht.

Gehe raus!

Ich muss irgendetwas tun, “diese Chance nutzen”, egal was, rausgehen, hauptsache etwas sehen, um dann im Anschluss davon erzählen zu können, genauso, wie es erwartet wird. Gehe in Museen, schaue mir Bilder an, gehe in Gallerien, ins Holocaust Memorial, spazieren… Die Bilder bleiben in meiner Erinnerung, doch mein Herz war nicht so ganz bei der Sache. Deswegen verschwimmen die Erinnerungen, so schnell sie auch aufgesaugt wurden.

Doch was die Erfahrungen erst mit Leben füllen, sind die Geschichten von Menschen. Mit den Menschen reden, der Mann im Bus, der unaufhörlich von seinem Job und die Situation im Kivu-Gebiet sprechen möchte, nachdem ich ihm erzähle, dass ich bei Genocide Watch Praktikantin bin.

Die Frau bei der Vernissage, die einfach nur vorbeigestolpert ist, und doch so glücklich über die kleinen Dinge im Leben ist, von den Farben erzählt, die sie berühren, von Geheimtipps der New Yorker Museen und wie Sprachen doch Weltbilder repräsentieren können.

Der Mitarbeiter im Büro, der immer Witze macht und sich Späßchen erlaubt, um die Genocide Watch-Praktikantinnen zu necken, und von seiner Arbeit im Menschenrechtsbereich in einer burundischen NGO seine Erfahrungen teilt.

Wenn ich mir die Geschichten durch den Kopf gehen lasse, so berühren sie mich, und lassen etwas in mir. Da wird mir wieder klar, dass ich gar nicht auf der Suche bin, sondern ständig in Bewegung.

Denn es geht um Begegnungen.

Seltsam. Es fühlt sich wie eine neue Erkenntnis an, doch ich wusste es schon vorher, als ich noch jünger und – das mag ich gar nicht ausschreiben: “naiver” oder unerfahrener – war.

Ich habe das Gefühl, dass irgendwann im Leben eine Zeit kommt, in der wir keine wirklich neuen Erkenntnisse machen, sondern lediglich alte, die wir in der Kindheit und Jugend so enthusiastisch wahrgenommen haben, wiederentdecken – und diese lediglich als neue Erfahrungen ausgeben. Während wir doch tief im inneren schon damals wussten, dass es um Liebe geht.

 

PS: das Titelbild ist bei einem Spaziergang entstanden, bei dem plötzlich alles so einleuchtend war.

3 thoughts on “Flugzeuge im Himmel und Fernweh

  1. Natürlich geht es um die Liebe, und um Begegnungen und um Selbstverwirklichung und um Verantwortung. Das was dann schwierig ist , ist die Entscheidung- was ist wichtiger- die Verantwortung oder die Selbstverwirklichung? Die Liebe zu sich selbst oder die liebe zu der Menschheit?
    Jeder findet für sich persönlich es heraus… Und dann stellt er fest- es ist nur eine Facette meiner Persönlichkeit…

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  2. Sich immer an einen anderen anderen Ort zu sehnen, deutet doch darauf hin, das etwas nicht stimmt.

    Ich gebe Ihnen recht. Die Flugzeuge zu beobachten, die über einen hinwegziehen, schaffen fast schon körperliche Schmerzen. Ich denke dann oft, dass die Menschen, die in dem Flugzeug aus irgendeinem Grund darin sitzen. Vielleicht ein freudiger, vielleicht ein trauriger. Was werden diese Menschen erfahren, wenn sie gelandet sind. Werden sie am Flughafen erwartet oder müssen in ein Taxi steigen, weil sie geschäftlich unterwegs sind.
    Vielleicht ist das Fernweh ein Zeichen für unruhige wissbegierige Geister, die in ihrem Leben viel sehen wollen, aber um alles auf dieser Welt zu sehen, reicht ein Menschenleben nicht aus.
    Und wie sieht es mit dem Heimweh in Gegenüberstellung aus. Manche leiden an Heimweh, manche an Fernweh. Was ist besser?

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  3. Ja das denke ich auch, ruhestoerer100. Deswegen glaube ich, die wichtigste Reise ist diejenige, die wir selbstwaerts machen. Es gibt Menschen, die sich zum Ziel setzen, moeglichst viele Laender der Erde zu bereisen, um dann jedes einzelne mit einem Haeckchen zu versehen, wenn sie den Fuss ueber die Staatsgrenze gesetzt haben – aber wieviel hat das mit wirklichem, authentischen, “mit-dem-Herzen”-Sehen zu tun?
    Sicher ist die Art und Weise, zu reisen und etwas zu sehen, Definitionssache, und auch wenn ein Menschenleben nicht ausreicht, um die Wissbegier zu stillen, so mag doch vielleicht die Sehnsucht etwas in uns in Bewegung halten, waere das moeglich?

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