One Million Bones.

Ich war vor kurzem positiv inspiriert, von dem sog. “one million bones” – Projekt, auf das ich über mein Praktikum bei Genocide Watch gestoßen bin. Ich hielt es im ersten Moment für eine ganz kreative Idee, und ich liebe kreative Ideen, um die Gefühle von Menschen zu mobilisieren. Wen es interessiert, hier die Aufmachung des Projektes:

http://www.onemillionbones.org/

Ich dachte nicht allzu viel über ontologische oder philosophische Fragen nach, die sich aus dem Projekt ergeben würden, ich war einfach irgendwie stolz und beeindruckt zugleich.

Bis ich es meinem Freund erzählte der mich zum Nachdenken bewegt hat.

Er war selbst eher weniger angetan von der Vorstellung, dass eine weiße Intellegenzija oder Mittelschicht eine Millionen Knochen basteln, um so mit der Stimme von Tausenden von Subalternen zu sprechen, die unter den Folgen eines nicht verhinderten Völkermordes leideten und leiden.

Er fragte mich:

One million bones…?! Did they ever see one million bones in their life?

und wirkte dabei verstört und von dieser Skurillität verärgert zugleich.

Ich war verwirrt und wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Einerseits hatte er Recht, was ist das für ein makaberer Schachzug, eine Werbekampagne, die auf eine ganz verklärte Weise auf Völkermord aufmerksam machen und Spenden einnehmen will?

Auf der anderen Seite dachte ich mir, es würde doch aber Aufmerksamkeit und Sensibilität wecken für solch eine unvorstellbare Thematik. Und eine Stimme sagte mir, wenn es auch eine unvorstellbare Methode ist, so ist sie doch kreativ und für den Zweck, Spenden und Öffentlichkeit zu wecken, mag sie sich selbst als Mittel heilen.

Oder nicht?

Selbst wenn sich niemand wirklich vorstellen kann und will, was sich hinter diesem einfachen, und doch so erschütternden Wort “Völkermord” verbirgt, impliziert es auch, das Wort sei unaussprechlich?

Selbst wenn man niemals die Opferzahlen und Knochen aufrechnen könnte, und selbst der Versuch oder der Gedanke an einen Versuch in die unglaubliche Leere der Unmenschlichkeit führte, bedeutet das, dass man es auch nicht tun sollte und lieber gar nichts sagt oder tut, bevor man sich des Unaussprechlichen schuldig macht?

Ich bin der Auffassung, dass der Versuch, eine Öffentlichkeit für solch eine Problematik zu schaffen, berechtigt ist. Über die Methoden könnte man diskutieren. Und auch darüber, wer über wen mit welcher Stimme und Absicht spricht.

Eines der Probleme, die mich diesbezüglich am intensivsten beschäftigen – wahrscheinlich, weil sie momentan Bestandteil meiner abendlichen Lektüre sind – ist vor allem die Kritik Spivaks, dass postkoloniale Intelektuelle in den Ländern des globalen Nordens sich selbst oder durch die Öffentlichkeit als “Ersatz-Subalterne” (token subalterns) wahrgenommen werden, nämlich dadurch, dass sie im Namen derer sprechen, die tatsächlich betroffen sind.

Es ist leichter für die Intelligenzija im Westen, Spivak, Said und Bhabha zu zitieren, als sich gegen eine Verschärfung der internationalen Arbeitsteilung zu engagieren.

[María do Mar Castro Varela, Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie: 2005; S.68]

Müssen wir darüber nachdenken, dass wir selbst manchmal Teil des Problems sind und mit einer privilegierten Stimme sprechen, die selbst an der ideologischen Produktion des Neokolonialismus beteiligt ist?

 

 

 

 

2 thoughts on “One Million Bones.

  1. Wenn man dein Gedanken weiterdenkt sollte man auch keine Kriegsbilder oder Hungersbilder veröffentlichen, denn lebende leidende Menschen zu demonstrieren ist viel markaberer, als ein paar gebastelte Knochen…..
    Letzendlich ist das auch eine moralische Frage.. : heiligt der Zweck die Mittel? Wie kriege ich die nötige Aufmerksamkeit der Gesellschaft?
    Wer bestimmt, wie man mit Knochen umgehen soll? Wollen wir vielleicht erstmal eine Volksabstimmung durchführen? Sollen alle Völker gleiberechtgt in deser Abstimmung bedacht werden, oder sollten die, welche besonders unter dem Völkermord gelitten haben auch besonders bewerten?. Man sieht- es wird immer absurder.
    Ich bin der Meinung- ein Künstler darf schocken- wieso de Politik nicht? ( z.B Wikileaks)

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  2. Ich habe mittlerweile mit derjenigen Frau gesprochen, die dieses Projekt in die Welt gebracht hat, und möchte meine Kritik relativieren und ihre Argumente ins Feld führen:
    1. Sie hat Knochen ausgesucht, um auf das hinzuweisen, was wir alle Menschen gemeinsam haben – unsere Knochen sind immer gleich
    2. Völkermord ist kein schwarzes Phänomen, es gab auch weiße: Bosnien, Kosovo, Armenien, Ukraine.
    3. Es geht um Bewusstsein; auch um mediale Aufmerksamkeit, um so größtmöglichen Druck auf die Regierung auszuüben.

    Ich hoffe, es hilft ein wenig weiter! Mir hat das Gespräch mit ihr eine große Einsicht gebracht, obwohl ich mich immernoch mit der Frage der Subalternen beschäftige…

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