Träume verwirklichen.

„Was wünscht ihr euch von ganzem Herzen?“,

habe ich meine Freunde gefragt, als wir am Neujahrsabend zusammensaßen und genüsslich Schokoladenfondue mit Bananen verzehrt haben. Zouzou schaute mich verwirrt an. „Wie meinst du das?“, sagte G zu mir. Rule griff nach dem Gin. Ich hätte nicht erwartet, dass diese Frage so eine peinliche Stille – oder war es eher Unbehagen? – provozieren könnte.

„Naja, ich meine, was sind eure Träume? Was wünscht ihr euch?“ – „Reich werden,“ sagte G zu mir, „zählt das auch?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein Leute, jetzt ist doch ein neues Jahr, ein Neubeginn, in unserer Familie machen wir uns immer Gedanken, darüber, was wir dieses Jahr verändern wollen oder auch nicht, wofür wir dankbar sind, und so.“ Immernoch betretenes Schweigen.

Zouzou zögerte. „Also ich..“, sagte er vorsichtig, „ich wollte schon immer malen. Früher, da hab ich viel gemalt, in der Schule musste ich immer an die Tafel und das Tafelbild machen, weil ich der beste Künstler der ganzen Schule war,“ erzählte er mit Begeisterung, „aber jetzt, wo das Leben andere Herausforderungen an uns stellt, fehlt einfach die Zeit und der Antrieb.“ Und so plötzlich, wie die Begeisterung in seiner Stimme erflammen war, erlosch sie auch wieder im Angesicht des Alltags. „Ja, du bist wirklich ein großer Künstler“, sagte ich zu Zouzou, „du musst unbedingt weiter machen, Zouzou.“

Rule sagte voller Stolz – „Also ich habe Glück. Mein Cousin, der hat mir finanziellen Zuschuss versprochen, wenn ich die Hälfte des Geldes erspare, das ich für den Führerschein brauche. In 3 bis 5 Monaten werde ich es schaffen. Stellt euch vor, Rule als Chauffeur!!!“

Und wir lachten alle voller Freude. Das war ein ganz starker Charakterzug von Rule. Seine Freude an den Kleinigkeiten, sein Eifer und Mut und sein unbrechbarer Wille. Er war früh Waise geworden und musste die Schule (ab 6.Klasse) abbrechen, um sich selbst auf Geldsuche zu begeben. Seitdem arbeitet er als Convoyeur bei dem Busunternehmen Atraco in Kigali.

(Kurzer Exkurs: Der öffentliche Transport findet vor allem in Nyamirambo in kleinen Bussen statt, die wunderbar farbenfroh bemalt und verziert sind, in jedem Bus ist Platz für etwa neun bis 15 Menschen, und es arbeiten je 2 Leute pro Bus – der Fahrer und der Convoyeur: das ist derjenige, der die Türen öffnet und schließt, die Leute einsammelt/anlockt und das Geld eintreibt)

Ich fand es so stark von ihm, dass er diese Zielstrebigkeit an den Tag legte, und habe ihm später einen Zuschuss von meinem Taschengeld gegeben, damit er den Führerschein machen konnte. Über die Bedeutung meiner Tat kann man natürlich streiten, ob ich nun wieder die Weiße mit dem vielen Geld war, die den armen ruandischen Jugendlichen bei der Erfüllung ihrer Träume „helfen“ wollte [alles Begrifflichkeiten, die mit der Geber-Nehmer-Perspektive zwischen Nord und Süd verbunden sind], oder ob ich eine Freundin war, die sonst nicht immer flüssig war, aber in einem bestimmten Zeitpunkt die Möglichkeit genutzt hat, Rule zu unterstützen.

All diesen moralischen Fragen/Vorwürfen, und was es impliziert, dass ich ihm letztendlich Geld gegeben habe, muss ich mich letztendlich auch stellen, das sehe ich vollkommen ein. Ich habe mir natürlich darüber Gedanken gemacht, wie es nun wirken mag, habe mich bemüht, es heimlich – nur unter uns – abzuwickeln, habe lange mit mir selbst gehadert, bevor ich ihm meine Idee vorschlug.

Doch letztendlich bereue ich nichts, weil das Geld da ankam, wo es sollte, Rule hat seinen Führerschein (er hätte ihn auch ohne meine Hilfe bekommen!!) und er hat sich gefreut.

Mit Zouzou ging ich am nächsten Tag auf den Markt und frage ihn – „Was braucht man, um ein Atelier zu machen?“ – er schaute mich verdutzt an.

Das Resultat bekommt ihr hier zu sehen.

Mama Africa First Painting King Rwabugiri

Lesson learned: das Gefühl, das dich erfüllt, wenn du gibst. Nicht aus wohlverstandenem Eigeninteresse des Gewissens, sondern aus dem Doppeleffekt, den das Geben vollzieht. Wenn du von ganzem Herzen gibst, oder etwas tust, das anderer glücklich macht und ihren Träumen näher bringt, dann strahlt es auf dich zurück, und du selbst strahlst auch.

Vielleicht muss es nicht Silvester sein. Vielleicht ist heute der perfekte Tag, um einen lieben Menschen zu fragen “Was wünscht du dir von ganzem Herzen?”. Du wirst dich wundern, dass sie oder er zunächst verdutzt sind. Denn wie selten kommt es vor, dass wir so eine Frage aufrichtig gestellt bekommen? Dabei ist es doch so einfach, sie gemeinsam zu beantworten.

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