Wege einer Studentin

Plötzlich waren sie da – die lang ersehnten Semesterferien. Und mit ihnen kam auch die Überforderung: die Klausuren hinter mir, 6 freie Wochen vor mir und keinen konkreten Plan, wie die Zeit mit Lebensinhalt gefüllt werden konnte.

Glücklicherweise kam direkt nach meiner letzten Klausur meine Schwester zu Besuch, die ich zwei Tage durch Passau herum führte. Aber die Begeisterung verflog, so schnell wie sie gekommen war. Seltsam, wie mit zunehmendem Alter gleichzeitig die Fähigkeit abnimmt, sich für gewisse Dinge, kleine Freuden des Alltags oder des Lebens, zu begeistern. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass man drei Dinge von Kindern lernen kann: grundlos glücklich sein, sich für Dinge zu begeistern und unbändige Neugier.

Ich war wieder antriebslos geworden. Fragte mich, ob es ein konjunkturhaftes Auf und Ab meines Lebens ist, oder ob ich tatsächlich verlernt hatte, einfach grundlos zufrieden zu sein. Ich hatte den tiefen inneren Wunsch, „raus“ zu gehen, raus aus Passau, irgendwohin, ein Abenteuer erleben.

Dann kam Helge zu Besuch. Auch mit ihm habe ich Passau in einem Tag abgehakt, sodass wir am nächsten Tag zu Hause Filme schauten. Besonders beeindruckt wurde ich durch Herrn Lehmann, der auf eine abfällige Bemerkung über seinen „Lebensinhalt“ entgegenhielt:

Von wegen Lebensinhalt! Glaubst du, das Leben sei eine Bierflasche, die man mit Inhalt füllen könne? Es ist eher anders herum. Die Flasche ist voll, und während das Leben vorbei geht, läuft der Inhalt aus ihr heraus.

Eine sehr einfache Metapher, aber ein schöner Perspektivwechsel. Und da bemerkte auch ich – das Leben ist hier, es muss nur gelebt werden. Wenn ich mir überlege, wie viel Zeit ich manchmal in Planen und Analysieren meines Lebens stecke, dann erschrecke ich bei dem Gedanken, dass ich mehr Zeit in das Planen als in das Handeln selbst stecke.

„Morgen trampen wir“, beschlossen wir. Und da war es endlich wieder. Diese „Einfach mal machen!“-Devise, die ich verloren geglaubt hatte, die aber jetzt so lebendig wie früher in mir aufflammte.

Die Reise führte uns in die unerwartendste Orte, die ich hier nur stichpunktartig umreißen möchte:

Regensburg

Regensburg – Gewürzwein, Mittelalterkneipe, singende Männer in Röcken, Spaziergang in der Natur, frische Energie, Begegnung mit einem polnischen Wanderarbeiter im Hostel, der eine Gelassenheit an den Tag legte, welche beeindruckend war; Couchsurfing, beeindruckende “kosmopolitische” Generation, Weitertrampen, 3 Stunden im Regen, Versuch scheitert, Zugfahrt Quer durchs Land  –

DresdenDresden – untergekommen in der WG eines Schulkameraden, Altbauwohnungen, Konzert, Kicker

Frage: Was ist Studentenleben?

Selbstverwirklichung, das Beste daraus machen, „erwachsen werden“ –

von einem Klischee des Studentenseins träumen und gleichzeitig eine Ablehnung gegen ein Idealbild, das mir vorgeben will, wie ich zu leben habe.

Kennst du das?

Du suchst nach etwas, doch du weiß nicht, was es ist. Suchst nach etwas, das dir Halt gibt, doch alles ist zu abstrakt. Kommt nach Phasen des Enthusiuasmus notgedrungen eine Zeit der inneren Stille?

Nichts befriedigt dich wirklich, du trinkst, du rauchst, suchst dein Glück im Spiel, in der Zerstreuung, „es gehört doch zur Jugend (zum Studentenleben)“, hörst du die Leute sagen.

Was wir über den Mangel an »Originalität« in unserem Fühlen und Denken sagen, gilt auch für das Wollen. Das zu erkennnen, ist besonders schwierig; es sieht ja so aus, als ob der heutige Mensch – wenn überhaupt irgend etwas – dann zu viele Wünsche habe und als ob sein einziges Problem darin bestehe, zwar zu wissen, was er will, es aber nicht alles haben zu können. Wir verwenden unsere ganze Energie darauf, dass zu bekommen, was wir haben wollen, und die meisten fragen nie nach der Voraussetzung dafür: dass sie nämlich wissen, was sie wirklich wollen.

[Erich Fromm, Die  Furcht vor der Freiheit, S.72]

Ich will leben!

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