Musik

Zunächst wusste ich gar nicht, dass es im Maison des Jeunes (meinem Projektplatz) ein Studio gab. Aber eines Tages, als ich hinter dem großen Saal mit den Kindern gespielt habe, riefen mich seltsame Gangstertypen hinter dem Gitterzaun zu sich.

„Hi, what’s up? What are you doing here?“ fragte ich sie, als ich auf ihr Winken näher kam. “We are doing a song in the studio”, sagte mir ein schlanker Junge, der aussah, als könne er nicht lächeln. Er musterte mich, wie als würde ich zunächst eine Aufnahmeprüfung bestehen, bevor ich in ihre Gruppe aufgenommen werden konnte. Dabei wollte ich gar nicht aufgenommen werden.

Ein anderer, der im Punk-Stil angezogen war, zeigte mir stolz sein T-Shirt, das mit dem Bandnamen bedruckt war, und sagte „We‘re X-Machinez“. „Dann lasst mal hören“, sagte ich neugierig, aber auch ein wenig ermüdet, denn ich habe bisher schon viele sich selbst ernannte Musiker getroffen, die weniger mit Musik zu tun hatten, als mehr mit Posing – Attitüden. Der Junge im Punk-Stil begann, sich mit der Faust auf die Brust zu schlagen, und erzeugte damit einen tiefen Beat, dazu begann er zu singen. Dann rappten die anderen Free-styles dazu, und ich war positiv überrascht. „Na solchen Musikern bin ich bisher noch nicht begegnet“, dachte ich mir im Stillen. Ich beschloss heimlich, mit ihnen einen Song aufzunehmen, machte mir aber auch nicht viel mehr draus, weil ich schon geahnt hatte, dass es schwierig werden würde, Freundschaften zu schliessen, wie es für mich schon immer war. Und dazu war ich nun noch in einem völlig anderen Land. Doch bevor diese Jungs im Studio dran waren, arbeitete der Produzent, der Max hieß, an seinem eigenen Song. Als dieser mich dort draußen stehen sah, sagte er mir – „Ich will, dass du in meinem Song singst“. Das war meine erste Chance, in einem echten Studio etwas aufzunehmen. Und ich ergriff sie. Was ich sang, war zwar musikalisch sowie lyrisch keine große Errungenschaft, aber ich bemerkte zum ersten Mal, dass die Leute es wertschätzten, dass ich mir Zeit und Interesse für sie nahm. Nach der schnellen Aufnahme waren auch diese Jungs von X-Machinez motiviert, und baten mich, in ihrem nächsten Song mitzusingen. Ich gab ihnen zum Abschluss meine Nummer, und umarmte alle, wie sie dort – man würde sagen „gechillt“ – an der Wand standen. Fox, der Junge im Punkstil (ich habe mittlerweile ihre Namen gelernt) sagte mir, ich sei jetzt Teil der X-Familie. Diese Philosophie gefiel mir, aber sie war auch exklusiv. Das fand ich fragwürdig. Erst im Rückblick beginne ich, zu verstehen, dass es vielleicht gerade diese Exklusivität und – damit verbunden – eine zu starke Fokussierung auf diese neuen Freunde war, die so stark (positiv wie auch negativ) auf mich gewirkt hat.

So begann meine musikalische Erfahrung mit den Jungs, wobei die Musik eher eine nachrangige Rolle einnehmen sollte. Sie wurde letztendlich zu einem Sprachrohr, einem Instrument, das meiner Beziehung zu diesen Leuten Ausdruck verleihen sollte.

Es war diese Gruppe von Jungs, die mein Jahr in Ruanda entscheidend prägen sollten. Mit zwei von ihnen, Zouzou und G, zog ich etwa einen Monat später zusammen. So lebte ich von November bis Juli mit zwei ruandischen, jungen Rabauken zusammen: eine Entscheidung, die „vieles verändern“ sollte.

Ein wenig neugierig war ich auch, wie diese Jungs lebten – sie sagten, sie leben zusammen in einem Ghetto in Nyamirambo. Es hat mich also gereizt, mal reinzuschauen, was das bedeuten mag. Aber große Hoffnungen hatte ich nicht. Als ich beim Cosmos angekommen bin, wartete G-I schon mit ZZ auf mich, ich war aufgrund der Dreharbeiten etwas spät dran. In der Parallelstraße holte ZZ ein „Sachet“ mit Vodka (also Wodka in der Tüte) heraus und trank es auf einen Schluck. „Oh mein Gott, wo bin ich hier nur gelandet“, fragte ich mich selbst und folgte den Jungs. Zwischen dreckigen kleinen Hütten, die so dich beieinander standen, dass man gezwungenermaßen miteinander kochen musste, passierten wir eine Wellblechtür, die – man konnte es an ihrer Beschaffenheit erahnen – eigentlich zwecklos war, außer dass sie Abgeschottetheit vermittelte. Ich stand in einem kleinen Hof mit einem Baum und zwei Häusern, die dicht aneinander engten. Durch einen im Basketballstil gehaltenen, abgenutzten Vorhang betraten wir ein kleines Zimmerchen ohne Möbel – aber einem kleinen Hocker und Küchenutensilien in der Ecke – das muss dann wohl die Küche sein. Ein weiteres Zimmer, dessen Wände mit bunten Graffitis und Schattenmalereien geziert sind, dient als Wohn- und Schlafraum. Zwei große Matratzen nehmen etwa zwei Drittel des Raumes aus, an der Wand steht ein Minifernseher mit Anlage, die auf Höchstvolume eingestellt ist und das ganze Haus gewissermaßen vibrieren lässt, und an der anderen Wand alte mit Klamotten gefüllte Koffer – ja ich fühle mich tatsächlich so, als wäre ich im Ghetto gelandet. In der „Küche“ ist über der Tür zum Schlafraum der Schriftzug „Ghetto Gate“ angebracht. Doch die Jungs, es sind insgesamt vier, gingen so lieb mit mir um, dass ich mich trotz der Fassade wirklich wohl fühlte. Das Haus war wie ein Haus der offenen Tür, denn ständig kamen Leute ein und aus, sogar Producer Max kam. Zufälligerweise mit der CD, auf die er das Lied gepackt hat, in dem ich spontan einen Part gesungen habe. Er schmiss sie sofort in den Musikplayer, und mir war es ein bisschen peinlich, mich selbst in einem Lied zu hören – es war für mich etwas vollkommen Neues und Seltsames, mich selbst zu hören. Ich war sonst nie wirklich ein großer Fan von Hip Hop, aber die Musik von den Jungs, dazu noch auf kinyarwanda hat mir auf Anhieb gefallen.

Ich ergriff die Chance.

Was dabei rausgekommen ist, könnt ihr hier überprüfen: www.myspace.com/girlwiththeguitar

Aus unserem Vorhaben, bis zu meiner Abreise zumindest ein Album mit dem Titel „Warriors of the Light“ herauszubringen, ist leider nichts geworden. Doch der Spaß am gemeinsamen Musizieren bleibt in meiner Erinnerung. Wenn ich ehrlich bin und diese Lieder mit einem kritischen Ohr betrachte, sind sie natürlich nichts „besonderes“, keine große musikalische Leistung. Es war mir schon anfangs klar, dass Musik hier nicht das Ziel war, sondern der Weg – ein Weg, Menschen unterschiedlicher Kultur und Sprache, Menschen von unterschiedlichem Hintergrund, zusammen zu führen, zu vereinen, etwas „Gemeinsames“ zu schaffen. Ich weiß nicht, weshalb mir dabei an den Sozialkonstruktivismus denke, aber aus dieser Erfahrung, die ich am eigenen Leib machen durfte, glaube ich, unterstreichen zu können, dass eine gemeinsame Identität (die zunächst konstruiert werden muss/kann) friedensfördernde Wirkung entfalten kann.

Ich glaube auch, behaupten zu können, unser Projekt „Musik“ strahlte dabei nach außen zurück. Wir hatten in Nyamirambo und Umgebung einige Auftritte – dabei mag ich gar nicht von Auftritten im eigentlichen Sinne sprechen, denn sie entsprachen einer Playbackshow, bei der man sich selbst in Szene zu setzen versuchte – die jedes Mal positive Resonanz erfuhren – „eine bunte Truppe“, so hieß es. Gegen Ende meines Jahres, als ich vermehrt auf kinyarwanda sang, konnten viele gar nicht glauben, dass ich in ihrer Sprache zu singen begonnen hatte.

Unsere Songs liefen gelegentlich im lokalen Radio, sogar in Deutschland wurde „On est les mêmes“ (auf Initiative meiner wunderbaren Mutter und in Verbindung mit Telefoninterviews) – auf zwei regionalen Sendern gespielt.

In sozialer Hinsicht war dieses Projekt ein voller Erfolg, in musikalischer wohl eher weniger. Entgegen meiner Hoffnung, in diesem Jahr mehr von der „richtigen“, urtypischen ruandischen Musik zu lernen, stellte ich mich häufiger die Frage, was denn ruandische Musik sei. Ich konnte aber noch ein paar Aufnahmen sammeln, die in den 70er/80er Jahren populär waren und erhalten geblieben sind.

In der rechten Spalte möchte ich in Schlagwörtern die “Lessons learned” auflisten, um einen kleinen Überblick zu verschaffen. Daher lautet meine erste “Lesson learned” (der ich mir zwar schon vor meinem Jahr in Ruanda bewusst war, durch diese interkulturelle Komponente aber noch stärker hervortrat):

Sei schöpferisch! Sei kreativ! Hab keine Angst, was dabei am Ende herauskommen mag, das ist nicht der Fokus, nicht das Ziel. Der Prozess des Schöpferischen selbst ist das Ziel. Denn auf dem Weg, der dich zum  Schöpfer macht, versuchst du auf deine eigene Art und Weise auf die Welt zu antworten.Was soll das heißen, fragst du dich vielleicht?

Nun, für mich ganz persönlich:

Die Welt schien mir weismachen zu wollen, dass es nichts geben könnte, was mich mit der ruandischen Jugend verbindet: ich war nun einmal reicher, privilegierter und mit einer anderen Hautfarbe versehen, als die Jugend vor Ort. Wie sollte jemand meinem Wort, meiner Botschaft der menschlichen Familie Gehör schenken wollen? Das war die Frage.

Und meine Antwort war dieser Prozess der Musik, der Sprache, des Zusammenhalts. Es zählt für mich nicht, was konkret das Resultat war, das bei dem einen oder der anderen ankam. Das ist zweitrangig.

Erich Fromm beschrieb diesen Prozess einmal so:

“Mit schöpferisch meine ich nicht, dass wir Bilder malen, Gedichte schreiben oder Musik hervorbingen sollen. Es geht vielmehr um Kreativität als eine Haltung, als ein Charakterzug, als eine Haltung den Menschen und der Welt gegenüber.”

An anderer Stelle führt er näher aus:

“Treten wir mit Gegenständen, mit der Natur, mit Menschen in Beziehung, dann tun wir das in erster Linie auf eine abstrakte, klassifizierende, intelektuelle, nicht aber auf eine kreative Weise. Eine Malerin, die bei mir eine Psychoanalyse machte, kam eines Tages ganz aufgeregt zu mir und sagte “Wissen Sie, ich habe heute ein wundervolles Erlebnis gehabt. Ich habe in der Küche Erbsen ausgekernt und zum ersten Mal in meinem Leben gesehen, dass Erbsen rollen.” Nun wissen wir ja alle, dass Erbsen wie alle runden Gegenstände auf einer schrägen, relativ glatten Oberfläche rollen, aber wir sehen das einfach nicht. Es ist etwas völlig anderes, unser Wissen bestätigt zu finden, dass Erbsen rollen, oder es in kreativer Weise zu sehen.”

[aus: Die moralische Verantwortung des modernen Menschen (1958d), GA IX, S.327-329]

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