Einkehr in den Alltag.

Mittlerweile bin sogar ich in den Alltag hineingetrudelt. Die Routine kann natürlich die Stimmung senken, aber es ist die Perspektive, die aus dem Alltag etwas besonderes machen kann. Einen Tag beispielsweise gehe ich zur Arbeit, den Hügel von „Kiyovu cyabacene“ (das arme Kyovu) hinunter, an den Nachbarn vorbei, höre schon wieder „Ndagukunda Christina!“ rufen und ärgere mich über den inflationären Gebrauch von „Ich liebe dich“, weil ich am Morgen schon wieder keinen Kaffee hatte. Und an der Hauptstraße angelangt, schüttele ich nur noch den Kopf, weil ich schon wieder genervt bin, dass alle Mototaxi-fahrer beim Vorbeifahren hupen, da sie wohl annehmen, Abazungu müssen immer Moto fahren, weil sie faul sind und Geld en masse haben. Und wenn ich dann aus dem Taxibus am Nyabugogo-Busbahnhof aussteige, den Hügel rauf nach Kimisagara gehe, und dabei Menschen an mir vorbeigehen und mir wie kleine Teufelchen „Umuzungu“ ins Ohr murmeln, und das unaufhörlich, dann denke ich mir, „Ja danke, ich weiß, dass ich Umuzungu bin – aber ich lauf auch nicht durch die Straßen und sage People of Colour zu jedem“. Und wenn ich dann noch auf der Arbeit im Kunstkurs 20 Kinder im Raum habe, die alle gleichzeitig rufen „Kilistina, ndashaka impapuro, ndashaka amazi, ndashaka crayon , ndashaka gushushanya“, und sie wie wild durch den Raum toben und dabei die Wasserbecher umwerfen, wieder alles nass und dreckig machen und nichtmal rausgehen, wenn ich sage, dass die Stunde für heute vorbei ist, dann verzweifele ich. Einen anderen Tag aber wache ich auf, strecke mich an meinem großen Fenster, das einen wunderschönen Blick über Kigali am Morgen bietet und atme die frische Morgenluft ein. Dann frage ich mich „Was kann ich heute mit den Kids machen?“, male oder bastele eine Vorlage, mache mich auf den Weg und freue mich, dass heute wieder die Sonne scheint. Dann werden alle Nachbarn, die mir begegnen, herzlich gegrüßt, mit einem fröhlichen „Waramutse!“ und sogar beim Absteigen des Hügels, wenn ich an der alten Frau vorbeigehe, die immer ihre Äpfel und Bananen verkauft, wenn ich schon wieder ein „Ndagukunda Christina!“ höre, winke ich herzlich meinen Nachbarn zu und rufe „Murakose! Waramutse!“. Unten an der Straße dann, als ich an zwei Frauen vorbeigehe, die dabei bemerken „Eh! Umuzungu!“ grinse ich sie an und begrüße sie, woraufhin sie mich zur Haltestelle begleiten und wir uns dabei auf Kinyarwanda unterhalten. Im Bus spreche ich meinen Sitznachbarn an und wir smalltalken die ganze Fahrt bis zum Busbahnhof. „Umunsi Mwiza, Brother!“ – und der Fußmarsch den Hügel hoch ist ein Spaß, weil ich merke, dass mich so viele hier kennen, und an jeder Ecke ein „Christina! Waramutse!“ höre und fröhlich ein „Amakuru jawe?“ entgegenrufe. Und bei denen, die mich noch nicht kennen, und denen, die „Umuzungu!“ rufen, freue ich mich dann genauso. Dann gehe ich runter ins Maison des Jeunes und sehe schon 5 Kinder mir entgegenlaufen, die rufen „Kilistina, Kilistina, gushushanya!“ und mich umarmen und an die Hand nehmen, dann freue ich mich noch mehr auf die heutige Stunde und weiß, warum ich hier bin. Und auch wenn dann die vielen Kinder im Malraum schreien und alle etwas wollen, dann merke ich trotzdem, wie stolz ich heute wieder auf sie bin, und lobe sie und zeige ihnen einzeln, was sie noch besser machen können, weil ich dankbar bin, dass ich den Kindern etwas weitergeben kann. Wie unterschiedlich diese Tage doch wirken, obwohl sie sachlich genau die gleichen sind! Die Freude steckt nämlich nicht in den Dingen, sondern in unserer Seele.

4 thoughts on “Einkehr in den Alltag.

  1. Hallo, mein Schatz!
    Ja, man merkt die Routine hat dich eingeholt. Ein bisschen vermisse ich deine Ideen und deren Verwirklichung. Und ja, der Gedanke- Glück ist kein Zusammenspiel der Lebensfaktoren, sondern ein Zustand der Seehle- ist nach wie vor aktuell. Ich kann es sehr gut nachempfinden, wie es ist gestresst, routiniert und von eigenen Routine genervt zu sein. Zufrieden sein ist manchmal ausreichend!!!
    Küsschen

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  2. :´(
    Ein kleines Gedicht :
    Das Tor zum Licht

    So viele sind schon vor mir
    durch das große Tor
    ins Licht getreten.
    Vielleicht zu viele.
    Menschen, die ich liebte,
    um die ich weinte.
    Jetzt bin auch ich dem
    Tor schon nahe.
    Vielleicht zu nahe,
    und Menschen, die mich lieben,
    werden um mich weinen.

    Ich Vermisse Dich!!!!!!!! Das alles zerreißt mir das Herz :´(

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  3. Hey,
    bin über das ww Netzwerk auf deinen Blog gestoßen- ich find es beeindruckend, wie stark du dich vor dem ww Jahr schon engagiert und interessiert hast!
    Tolle Bilder und gute Texte…ich bin seit August wieder in D, war auch ww (Sambia) und muss sagen, einige Dinge die du schreibst kommen mir verdammt bekannt vor (l und r verwechseln, muzungu- sogar ich liebe dich heißt ähnlich in Nyanja, wirklich interessant).
    Viele liebe Grüße und ein intensives, erlebnisreiches Jahr dir!!!
    Anne

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