Liebe und Wissen wachsen beim Teilen.

Gestern war ein verrückter Tag. Nachdem ich ganz lange geschlafen habe, rief mich Fox ununterbrochen an, das ist ein Ugander, den ich zufällig auf der Straße getroffen hatte. Er wollte mir seine Foundation zeigen, die „Hoffnung für Morgen“ heißt. Ich wusste erst gar nicht, was ich denken sollte, denn ich kannte Fox gar nicht richtig und hatte auch eigentlich etwas anderes vor, wie auf den Stoffmarkt zu gehen oder Bekannte zu treffen.

Dann war es mehr ein Zufall, der mich zum Rond Point brachte, wo wir uns treffen wollten – denn ein Nachbar wollte einfach nicht gehen, sodass ich es für eine gute Möglichkeit hielt, das Haus zu verlassen und ihn so rauskicken zu können.

Was erst also ziemlich unhöflich anfing, wurde durch das Treffen mit Fox zum schönsten und motivierendsten Wochenendstag. Mit einem Taxi fuhren wir mit einem seinem Mitarbeiter über löchrige Straßen in ein Viertel, das mir noch vollkommen unbekannt war, „Gisozi“. Auf einem Platz, der durch den aufgewirbelten, trockenen Staub wie ein tristes, leeres Grundstück wirkte, sah ich zwei kleine Lehmhäuser mit Wellblechdächern. Davor saßen einige Mütter mit Kindern, aber immer noch konnte ich mir nichts unter dieser Foundation vorstellen. „It’s here“ – was sollte ich erwarten?

Beim Betreten des einzigen Raumes wurde prompt die triste Athmosphäre abgelöst durch die höchte Form von Leben und Freude. Ich stand vor einer Klasse mit 30 Kindern, die grob geschätzt bis zu 7 Jahre alt waren, und mir im Chor entgegenschrien: „Welcome, Guest! How are you?“ Sie grinsten und strahlten mich an, und da wusste ich, dass ich genau dort in genau dem Moment richtig war, wenn ich je nach etwas gesucht habe. So zeigten sie mir, angeleitet von einem Lehrer, was ihr Englisch-Skills machen. Der Begründer der Foundation sprach eine kleine Rede, und ich tat es ihm gleich, stellte mich vor und bedankte mich von Herzen für diese Einladung (im Nachhinein fällt mir aber ein, dass es eine Schande ist, dass ich nicht weiß, was „ich bin stolz auf euch“ auf Kinyarwanda heißt). Scheinbar hatte man auf mich gewartet, denn alles stand bereit, alle wussten bescheid, und die Gastfreundschaft, die im Schatten dieser unbeschreiblichen Armut stand, erwärmte mein Herz.

Ich erfuhr endlich, worum es sich handelt – diese Foundation ist gegründet worden, um „Hoffnung für Morgen“ zu schaffen, mit besonderem Fokus auf die Unterstützung von Kindern, die ja schließlich unsere Zukunft sind. Wenn in meinem Verständnis Bildung ein Recht ist, dann muss ich leider sehen, dass der Schulbesuch hier in Ruanda Gebühren kostet, Materialien und natürlich mentale Unterstützung für die Kinder. Zielgruppe der Foundation sind vor allem Waisenkinder, die unter der Armut leiden, und die sich einen Schulbesuch natürlich nicht leisten können. Viele von ihnen sind durch Mutter-zu-Kind-Übertragung HIV-positiv. Die Mitglieder der Foundation sind zwar keine professionellen Lehrer, aber sie arbeiten alle freiwillig, ohne Bezahlung.

In einem anderen, kleineren Raum saßen etwa 20 Frauen auf dem Boden, die an Schmuckstücken basteln. Einige ältere, durch Narben und Falten vom Leben gezeichnete, neben einigen jüngeren, neben deutlich Kranken (man sagte mir später, auch hier sind viele Frauen HIV-positiv), und vor allem allesamt Witwen, bzw. Frauen, die ihre Familien selbst versorgen müssen. In dieser Unterstützung in Form von Arbeit, Materialien für die Schmuckstücke und Wissen über traditionelle ruandische Kunst liegt die Hoffnung der Foundation, ihnen Perspektiven zu geben, sowie die Möglichkeit, ihre Werke verkaufen zu können.

Ich komme dorthin wieder, vielleicht einmal in zwei Wochen an einem Wochenendstag, denn ich möchte auch etwas geben, mit den Kindern spielen, lernen und einfach zusammensein.

Was für ein bleibendes und vor allem gutes Gefühl mir dieser Besuch beschert hat!

Ich dachte, besser könnte es jetzt nicht mehr werden, und visierte eigentlich schon meine weitere Tagesplanung an, als Fox mich fragte, ob er mir noch das Studio zeigen sollte, von dem er bei unserer ersten zufälligen Begegnung gesprochen hat. Sonderlich angetan war ich nicht, weil ich bisher in Kigali geschätzte 17 Leute auf der Straße kennengelernt habe, die angeblich alle Musiker waren, und entweder ein Studio haben oder einen kennen, der eins hat, und mich eingeladen haben, bei Gelegenheit doch mal mitzukommen, um Gitarre zu spielen.

Aber was soll’s – ich merkte, dass ich nichts Besonderes vorhatte an dem Tag, und wir fuhren nach Kimironko. Von der Straße hörte man schon Musik, die offensichtlich selfmade war, und vor allem auf Kinyarwanda. Der Producer, der uns hereinließ und ein paar gefeaturete Tracks mit Dancehall-Einfluss (auf kinyarwanda, luganda und englisch) zeigte, kommt, wie Fox, ursprünglich aus Uganda, ist ziemlich jung (22) und ist, nachdem, was ich bisher erleben durfte, sehr musikalisch. Ich spielte ihm eines meiner Lieder vor, und prompt waren wir auch schon dabei, es aufzunehmen. Solange die Gesangsspur noch nicht drauf war, jammten wir zur Instrumentalspur, und nannten es „Nyemerera“ – was soviel bedeutet wie „erlaube mir“, alles was ging, gerappt, gesungen, in kinyarwanda, Englisch, luganda, deutsch, französisch, russisch, mit einem Ragga-flow, R’n’b, oder einfach wortlos. Unglaublich spaßig war das, vor allem: wie multikulturell Musik doch sein kann/ist!

Sobald wir fertig mit aufnehmen sind, wird das Produkt natürlich veröffentlicht.

Das war also ein verrückter Tag, der mir aber einfach so, ohne etwas dafür zu verlangen, so viel gegeben hat.

4 thoughts on “Liebe und Wissen wachsen beim Teilen.

  1. Deinen Blog zu lesen ist wie von dir aus den Zeitungen zu erfahren. Ich bin froh, dass es dir gut geht. Doch gleichzeitig verbittert, dass du mir nicht schreibst.
    Übrigens Jenni vermisst dich sehr. du könntest ihr auch mehr als 10 worte schreiben…
    wo du doch so ungern telefonierst…

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  2. Ach christina,
    Ich hab so Angst, dass dir was passiert!
    Bitte werde nicht krank! 😦
    Der Arzt (HNO) hat mir einen Abszess hinterlassen, nachdem er mir die Allergiespritze verpasst hat… Ich hab Schnupfen und Husten. Mein Ohr hat auch Schnupfen ^^.
    Jetzt muss ich Soledum Kapseln nehmen und noch diese Amocicillin Tabletten nehmen und ich vermiss dich total!
    ;(

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