Fluch oder Segen?

Ich wurde bestohlen.

Um nicht zu Beginn schon zu emotional zu werden, verfolge ich jetzt das 3-Stufen-Schema, das uns auf dem Vorbereitungsseminar ans Herz gelegt wurde: Beobachten – Beurteilen – Bewerten

1. Beobachten

Die Situation war folgende: Ich saß draußen am Sportplatz und schaute den Kindern zu, wie sie kickten. Da kam ein etwa 4-5-jähriger Junge auf mich zu und schaute mich an. Ich sagte: „Wiriwe! Amakuru?“ Er sagte: „Mesa! You play football?“, woraufhin ich seinem Händewinken zum provisorischen Tor folgte. Ein anderer Junge legte mir den sporadischen Fußball zurecht, der aus Plastiktüten bestand, welche mit einem Band geformt und gehalten wurden. Die Platzierung des Balles signalisierte mir, dass ich einen 3-Meter Schuss wagen sollte, sodass ich meine Tasche neben dem Tor platzierte, um den Schuss zu wagen, der von dem klasse Torwart gehalten wurde. Ich sah dem 4-5-jährigen Jungen bei seinem Schuss zu, klatschte und wollte meine Tasche holen, als ein anderer Junge mich antickte und sagte „Dictionnaire. Téléphone!“ und in eine Richtung zeigte. Erst etwas verdutzt, ging ich zu meiner Tasche, und er sagte „Steal!“, als ich verstand, dass jemand mir etwas gestohlen hatte – mein Handy und meine Digitalkamera.

2. Beurteilen

Ich heiße Diebstahl niemals gut, sei es hier in Ruanda noch sonst wo, aber ich muss ehrlich sagen, dass ich es verstehen kann (im Sinne von nachvollziehen). Mir wurden Prestigesymbole gestohlen, denn wäre der Dieb gewitzt gewesen, hätte er meine ganze Tasche mitgenommen, oder zumindest auch mein Bargeld, aber eindeutig ging es um die Objekte. Deshalb gehe ich davon aus, dass er entweder diese Dinge verkaufen will oder sie für den Eigenbedarf nutzen möchte. Man muss sich vor Augen halten, dass es sicherlich reizt, wenn man mit der Vorstellung aufgewachsen ist, dass Abazungu generell reich sind und ein Leben in Luxus führen (was m.E. mit Vergleichswerten keine Unwahrheit ist).

3. Bewerten

Das Handy habe ich geschenkt bekommen, nachdem ich meines verloren hatte. Die Kamera war neu. Beide Dinge sind ersetzbar. Ihr Verlust geht mir nicht so sehr ans Herz, aber beispielsweise die Bilder auf der Kamera, oder die Tatsache, überhaupt Bilder machen zu können. Aber für all diese Kleinigkeiten finden sich Lösungen.

4. Die Lehre

Was jetzt so besonders an diesem Diebstahl war, ist die Reaktion des kleinen Jungen und vieler anderer Kinder, die mit mir gespielt hatten. Als wir gemerkt hatten, dass ich beklaut wurde, fing der kleine 4-5-jährige plötzlich an, zu laufen. Er wollte ihm hinterherlaufen, den Dieb fassen, der wahrscheinlich schon in Sicherheit war. Und der kleine Junge lief so schnell, dass ich einfach mitlief. Und plötzlich liefen noch mehr Kinder in diese eine Richtung. Als wir anhielten und einige Erwachsene dazukamen, war der kleine Junge so aufgebracht und wütend, dass ich einfach nicht umhin kam, die Schönheit der Situation zu erkennen:

Dieser kleine Junge, der wahrscheinlich nicht viel mehr an Privateigentum hatte als der Dieb selbst, dieser Junge zeigte in einer fast alltäglichen Situation so eine wunderbare Menschlichkeit, dass es mich ganz tief im Herzen berührte.

Und als Nachtrag an die weniger philosophisch-romantisch angehauchten Leser: ich habe nicht nur diese Lehre gezogen, sondern auch, meine Tasche in Zukunft nicht mehr irgendwo hinzulegen! 😉

Mit aller Liebe aus Ruanda, eure Christina

3 thoughts on “Fluch oder Segen?

  1. Hey,
    ja finde ich cool, wie du mit solchen Situationen umgehst und das du diesen Jungen so hervorhebst, dem eigentlich dein Verlust schon fast näher ging als dir selbst.
    Weiterhin viele interessante Erlebnisse und klar viel Spaß
    Wir vermissen dich

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    1. Danke Skubsch! Ich denke auch an euch und drücke euch die Daumen für das, was jetzt kommt! Wie siehts bei dir aus? Schon unimäßige Rückmeldungen?

      🙂

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  2. OAH CHRISTINA -.-‘ 😀 Solchen Situationen bist du in Deutschland meistens um haaresbreite davon gekommen. ^^ Meine Güte, klingt alles etwas anstrengend. Ruh dich mal aus und kümmere dich darum, dass wir hier zu Hause wissen, was bei dir abgeht. 🙂 Du musst natürlich jetzt öfter online sein, weil’s die einzige Verbindung ist.. Aber gut.

    Liebste Grüße und Knutschers aus Oldenburg 😀 Das Stadtfest ist doof ohne AI Stand.

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