Vom Anderssein und was man daraus macht.

Manchmal würde ich gerne meine Haut ablegen. Da ist zum Beispiel dieses unangenehme Gefühl, das mich überkommt, wenn ich durch die Straßen gehe, und die Menschen mir „Umuzungu“ hinterherrufen, wenn Kinder angelaufen kommen, und mich berühren wollen, nur weil ich eine andere Hautfarbe habe oder wenn ich bei alltäglichen Erledigungen privilegiert behandelt werde.

1. „Umuzungu“

Umuzungu bedeutet wörtlich „Europäer/in“ / „Weiße/r“ und wird von vielen mit „Reiche/r“ gleichgesetzt. Einige meiner Arbeitskollegen, die ich bisher gefragt habe, ob das Wort negativ behaftet sei, antworteten mir, dass die Menschen es gar nicht negativ meinen würden. Es sind ja vor allem Kinder, die überrascht rufen „Umuzungu!“, weil sie nicht daran gewöhnt sind, „Weiße“ zu sehen. Man ist optisch immer anders. Von einer Deutschen, die schon seit über 8 Jahren in Ruanda wohnt und mit einem Ruander verheiratet ist, weiß ich, dass selbst sie auf der Straße noch mit „Umuzungu!“ begrüßt wird.

2. Blicke

Wenn ich die Straßen langgehe, und mir Blicke zugeworfen werden, die ich nicht einordnen kann, dann kann ich diese natürlich nicht interpretieren, sondern lediglich sagen, wie ich mich fühle. Selbstverständlich fühle ich mich anders und manchmal sogar ein wenig fremd, nicht dazu gehörend. Aber – und das ist wichtig, zu erwähnen – es ist in erster Linie von mir selbst abhängig, wie ich diese Blicke aufnehme, meistens reagiere ich daher mit einem freundlichen „Muraho!“ (=Guten Tag!) und einem Lächeln, und ernte auch ein Lächeln zurück.

3. Privilegien

In bestimmten Situationen fühle ich mich privilegiert behandelt, weil ich „Weiße“ bin. So zum Beispiel mein Arztbesuch. Grundsätzlich sind alle weltwärts-Freiwilligen schon zu Beginn ihres Aufenthaltes privilegiert, weil sie über eine umfangreiche Krankenversicherung verfügen, alles gestellt bekommen und sich im Grunde keine Sorgen um nichts machen müssen. Als ich zum Arzt musste, sagte man mir, ich solle in die Belgische Botschaft zu einem belgischen Arzt gehen, doch der Zufall wollte, dass die Botschaft an dem gegebenen Tag nicht geöffnet war und ich daher zu einem ruandischen Arzt ging. Ich trat ein, man begrüßte mich, kümmerte sich sofort um mich, schickte mich sofort zum Arzt hinein, obwohl da auch noch andere Menschen im Wartezimmer saßen. Zum Warten auf die Laborergebnisse wurde ich in eine separate Warteecke mit gemütlichen Stühlen geführt, obwohl ich lieber bei den anderen Menschen geblieben wäre. Ähnlich auffällig sind mir alltägliche Kleinigkeiten, so zum Beispiel beim Einkaufen – dort wurde ich neulich zuerst bedient, obwohl ein anderer dem Kassierer schon das Geld hinhielt. Oder beim Rufen eines Moto-Taxi, wenn sie zuerst bei mir anhalten, wobei auch andere Menschen am Straßenrand warten. Strukturelle, historisch verwurzelte Privilegien oder einfach nur der Gedanke der Menschen, man könne von Weißen profitieren („Umuzungu-Preise“)?  Aber dies sind nur meine Eindrücke und Gefühle, die mir auf dem Herzen liegen. Ob ich aus einer Mücke einen Elefanten mache? Vielleicht schon. Tatsächlich geht es letztendlich nicht darum, warum sich die Menschen mir gegenüber anders verhalten, sondern wie ich es überwinden kann – sprich wie ich selbst damit umgehen kann (nächstes Mal „Umuzungu“ einfach ignorieren?) und wie ich den Menschen hier in Ruanda näher kommen kann.

Ja, man sieht anders aus, man wird mit etwas anderem assoziiert, aber das schließt noch lange nicht die Türen dazu, was man daraus machen kann. Das “Umuzungu” bleibt nur so lange unangenehm, bis ich in Kinyarwanda ein “Amakuru?” entgegne. Die Blicke bleiben nur so lange ungewiss, bis ich mit einem Lächeln reagiere und aus dem Blick ebenfalls ein Lächeln wird.

4 thoughts on “Vom Anderssein und was man daraus macht.

  1. Christina, bedeutet Muzungu wörtlich nicht “der, der reist” oder “der von fern kommt” und wurde nachträglich mit “weiß” und noch etwas später erst mit Reichtum assoziiert? Ich meine so etwas mal gelesen zu haben…
    Bis in ein paar wenigen Tagen 😉
    Henrik

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    1. Hey 🙂
      Ich muss ehrlich sagen, über die Etymologie des Wortes habe ich jetzt nicht sonderlich viel nachgeforscht, mir ging es eher darum, wie es heute assoziiert wird. Aber es wäre spannend, da mal näheres zu erfahren!
      Wann gehts denn nochmal los?? Bin gespannt!

      Herzlichst, Christina

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      1. Ich wohne in Kiyovu mit Tobi und (noch) Joné.. Weiß noch nicht, wer nach Joné einziehen wird! Bin gespannt 🙂

        Bis dann und herzlichste Grüße!

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