Wieso Ruanda?

Wenn ich gefragt werde, was ich jetzt mit meiner neu erworbenen Freiheit anfangen möchte, und ich antworte, dass ich erst einmal nach Ruanda gehe,  dann ist die übliche Reaktion:

“Wieso Ruanda? Was willst du da denn?”

Gute Frage, was will ich dort, was will ich hier, was will ich überhaupt. Das Problem ist, dass viele den Begriff Afrika, der nicht einmal zutreffend ist – aufgrund der Diversität innerhalb dieses riesigen Kontinentes -, mit einem negativen Beigeschmack wahrnehmen.

“Da war doch mal Bürgerkrieg, oder so! Pass bloß auf dich auf!”

Ja genau, da war “Bürgerkrieg”. Und wenn du ’59, ’63 , ’72, ’90, und schließlich 1994 betrachtest, dann war da Völkermord. Und in der Tat hatte das einen Einfluss auf meine Entscheidung.

Als ich weltwärts gehen wollte, habe ich von Anfang an gehofft, nach Ruanda zu kommen. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass diese wunderbare Erfahrung, die wir alle machen dürfen, nicht von einem spezifischen Land abhängig ist, so wie es für mich lange Zeit Ruanda war. Es ist ein Mechanismus nach dem Ausschlussprinzip, wenn ich sage – für mich kommt nur dieses eine Land in Frage. Und das durfte nicht sein. Also habe ich mich geöffnet, war für alles bereit – auch dafür, gar nicht weltwärts gehen zu können.

Natürlich habe ich mein Glück herausgefordert und mich auf die Stelle in Ruanda beworben, die am besten auf mich und meine Interessen passte – und siehe da: Es kam, wie es kam, und nun wird ein Lebenstraum wahr.

“Was für ein Lebenstraum denn?”

Nun, als ich 2008 das erste mal mit einem Begriff konfrontiert wurde, der seinem Gehalt nicht gerecht werden kann – nämlich Genozid – wurde mein Leben in andere Bahnen gelenkt. Ich war seit 2007 bei amnesty international aktives Mitglied, und kam nur durch Zufall auf den Themenbereich Völkermord. Es folgten die obligatorischen Filme – Hotel Ruanda, Shake Hands with the Devil, Todesreiter von Darfur – und natürlich unzählige Tränen.

Es war wie der kategorische Imperativ von Kant, wie die Aussage von Desmond Tutu, das Prinzip von Ubuntu:

„Ich bin menschlich, weil du menschlich bist. Meine Menschlichkeit wird in deiner vertieft, und wenn du entmenschlicht wirst, werde ich entmenschlicht, und Zorn und Groll und Vergeltung nagen an diesem großartigen Gut – der Harmonie, die zwischen Menschen existieren muss.“

Von da an begann ich zu forschen, was ist das, wie kommt es, was will es, und wie endet es. Und ich stieß auf die deutsche NGO genocide alert, der ich ohne Weiteres beitrat (auf der Homepage erscheint übrigens demnächst ebensfalls eine Art Kolumne über das post-genozidale Ruanda). Es ging weiter, ich las und las und schrieb eine Facharbeit über die Konsequenzen des Genozids für Ruanda und die internationale Staatengemeinschaft. Ich beschäftigte mich so intensiv mit dem theoretisch-abstrakten, dass ich mich irgendwann fragte – was mach ich hier eigentlich?

Es fehlte mir das Echte, das Menschliche, das Leben. Und obwohl ich schon vor Jahren wusste, dass ich nach dem Abitur ins Ausland gehen werde, war mein Weg erst durch diesen Anstoß in meinem Leben gezeichnet worden.

“Aha – und was machste da so?”

Ich werde einfach da sein und – das sage ich immer wieder – alles geben, was ich geben kann. Wenn ich durch Kunst und Kultur etwas für die Friedenspädagogik beitragen kann, dann umso besser. Aber die Erwartungen dürfen nicht zu hoch angesetzt werden. Ich weiß noch nicht, wie ich vor Ort angenommen werde, ob die Menschen sich freuen, dass man sich für sie, ihr wunderbares Land, ihre Kultur interessiert, und ich weiß nicht, ob und wie viel Liebe angenommen wird.

Umso bewusster ist mir jedoch, dass ich eine Brücke schlagen kann, vor allem zwischen den Menschen in Deutschland und meinen Erfahrungen und Begegnungen in Ruanda. Indem ich einfach gehe, es “einfach mal mache” (Lebensmotto Nr. 15 😉 ), kann ich – so hoffe ich doch – einigen – seien es auch wenige – das Gefühl einer unsichtbaren Grenze zwischen hier und dort ein wenig mindern.

Ich weiß noch nicht worum es geht. Ob es “nur” ein Kunstprojekt ist, ob es nur mich in meiner Persönlichkeitsentwicklung fördern kann, oder ob ich tatsächlich hier oder da in Erinnerung bleibe. Aber ich weiß, dass es um mehr gehen kann, wenn man etwas daraus macht – beispielsweise bezüglich der Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland.

Um meine Motivation abzurunden, möchte ich – wie man das üblicherweise tut – zitieren.

Albert Schweizer:

” Das Wichtigste im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.”

Wir können nicht viel, aber vielleicht können wir das!

One thought on “Wieso Ruanda?

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